Bundesteilhabegesetz: Jetzt oder erst in 10 Jahren

Am 29.10.2016 veranstaltete die SPD-Bundestagsfraktion in Hamburg eine Diskussion zum Bundesteilhabegesetz mit Ministerin Andrea Nahles. Dies sind meine Eindrücke und einige Informationen.

Am Samstag, den 29.10.2016 fand im Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Hamburg eine Diskussionsveranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion zum aktuellen Stand des Bundesteilhabegesetzes statt. Geladen hatte der aktuelle SPD-Abgeordnete des Wahlkreises Hamburg-Mitte, Johannes Kahrs. Und es war als Gast die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, erschienen.

Der Saal war etwa zur Hälfte gefüllt, als die Veranstaltung pünktlich um 17:00 Uhr vom Gastgeber Johannes Kahrs eröffnet wurde. Erschienen waren sowohl Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen als auch Angehörige, Vertreter von Organisationen und Verbänden wie der Landesarbeitsgemeinschaft für Behinderte Hamburg, Leben mit Behinderung und andere.

Paradigmenwechsel

Nach den einleitenden Worten ergriff Ministerin Nahles das Wort und erläuterte zunächst einmal die Grundzüge des im Moment im parlamentarischen Verfahren befindlichen neuen Bundesteilhabegesetzes. Einer der Hauptaspekte, den sie im Laufe der Veranstaltung auch mehrmals wiederholte, ist, dass ein Paradigmenwechsel weg von der Defizitorientiertheit einer ganzen Gruppe hin zu individuellen Teilhabeanforderungen der jeweiligen Person stattfindet. Man landet als z.B. blinder oder gehörloser Mensch nicht immer sofort in einem bestimmten Muster, sondern es wird für jeden Fall ein individueller Teilhabeplan erstellt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Peer-Beratung, die mit diesem Gesetz eingeführt wird. Die Beratungsleistungen sollen flächendeckend, mit zwei Beratern pro 200.000 Einwohnern, zur Verfügung gestellt werden. Frau Nahles versicherte mehrmals, dass es sich hierbei auch nicht um eine anonyme Hotline, sondern um Beratung vor Ort handelt.

Die 5-aus-9-Regelung

Ein sehr oft an diesem Nachmittag diskutierter Punkt war die auch schon im Vorfeld viel kritisierte sog. 5-aus-9-Regelung, §99 des neuen Gesetzeswerkes. Auch hier findet ein Paradigmenwechsel statt, der entweder bisher einfach schlecht kommuniziert wurde oder von sehr vielen Menschen nicht verstanden. Denn auch hier geht es nicht mehr defizitorientiert zu, sondern die Punkte betreffen verschiedene Assistenzbedarfe. So hat ein blinder Mensch z. B. im Studium genauso Bedarf an Kommunikationsassistenz wie ein gehörloser, nur in ganz anderer Form. In einem Fall geht es um Materialien in nicht zugänglicher gedruckter Form, im anderen um das Gebärdendollmetschen. Und so wird es mit anderen Punkten ähnlich durchdekliniert. Auch dient der §99 lediglich dazu, die Tür zu öffnen. Der tatsächliche Bedarf wird dann im individuellen Teilhabeplan erarbeitet.

Frau Nahles versicherte mehrmals während der Diskussion und auch in einem Einzelgespräch am Ende der Veranstaltung, an dem ich indirekt teilnahm, dass es niemals das Ziel war, durch diese Regelungen jemanden aus der Teilhabe heraus zu drängen. Es geht eben nicht um "nur sehbehindert" oder "nur gehörlos" o. ä., sondern um die tatsächlich anfallenden Bereiche, in denen Assistenz benötigt wird. Frau Nahles versicherte im erwähnten Einzelgespräch mehrmals, dass bei allen im Ministerium durchgeführten Fallstudien kein einziger Fall aufgetreten sei, wo jemand, der "nur blind" ist, diese fünf Bereiche nicht locker zusammen bekommen hätte.

Feldstudien und Verschiebung des §99

Da dieser Paragraph jedoch in den Rückmeldungen, Protestaktionen und anderen Gesprächen eine solche Unsicherheit verursacht hat, wird es im Gesetz eine 3-jährige Übergangsregelung für diesen einen Bereich geben. Es sollen Feldstudien durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass der §99 auch tatsächlich in der Praxis so funktioniert wie beabsichtigt, dass eben niemand nur durch diese Regelung gar nicht bis zur Erstellung des individuellen Teilhabeplans kommt. Nach jetzigem Planungsstand soll also das Bundesteilhabegesetz am 01.01.2017 in Kraft treten, der §99 aber erst am 01.01.2020 und auch nur dann, wenn die Feldstudien die Praxistauglichkeit untermauert haben. Ansonsten – und das sagte sie wörtlich – bleibt es bei der jetzigen Regelung. Es soll niemand schlechter gestellt werden.

Noch einiger Klärungsbedarf mit der Pflege

Auch der Bereich der Pflege, die ja im Bundesteilhabegesetz nicht berücksichtigt wird und die auch nicht wie von manchen gehofft aus der Sozialhilfe heraus gelöst wurde, sorgte für einigen Diskussionsstoff. Zum einen stellte Frau Nahles klar, dass sie für so ein Mammut-Projekt gar nicht das Mandat hatte und es eben im Bundesteilhabegesetz um die anderen Bereiche der Eingliederung ging. Zum anderen stellte sie in Aussicht, dass sie mit Gesundheitsminister Gröhe noch in Gesprächen sei, auch hier noch einige Verbesserungen in Abstimmung mit dem Bundesteilhabegesetz zu erzielen. Hier blieb sie jedoch vage, weil eben die Gespräche noch im Gang seien und es wohl auch einiges Gezerre gibt.

Auch in einigen anderen Bereichen stellte sie klar, dass sie nicht frei von Abstimmung vor allem mit dem Bundesfinanzminister ist, der (übrigens auch laut Grundgesetz) ja immer das Finanzierungsveto einlegen kann. Also: Obwohl es darum geht, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen, muss sie bei allem, was sowohl den Bund als auch die Kommunen Geld kostet, hart verhandeln.

Protestaktionen "kein guter Lobbyismus"

An einer Stelle machte vor allem Herr Kahrs meiner Meinung nach dann absolut aber keine gute Figur. Als es im Laufe der Diskussion um die Protestaktionen rund um den Hashtag #NichtMeinGesetz ging, wurde ganz klar gesagt, dass dies dem Prozess wenig dienlich gewesen war. Herr Kahrs meinte ungefähr: Wenn mehr Geld gewollt ist, muss für mehr Geld gestritten werden und nicht das Gesetz als solches abgelehnt werden. Und er machte klar, dass durchaus die Gefahr bestanden hätte, dass Herr Schäuble den Slogan "nicht mein Gesetz" wörtlich nimmt und das Gesetzesvorhaben an sich hätte verhindern können. Und es wurde auch ganz klar gesagt: Wenn das Gesetz jetzt nicht kommt, greifen sich andere die vorgesehenen hunderte Millionen Euro für ihre Vorhaben, und dann sehen wir in den nächsten 10 Jahren kein neues Vorhaben in dieser Richtung und bleiben bei den aktuellen Regelungen in allen Bereichen. Andererseits, so Frau Nahles, wenn das Gesetz erst einmal da ist, kann man auch bei Bedarf viel leichter an verschiedenen Stellschrauben drehen, wenn die ursprünglichen Regelungen sich in der Praxis nicht bewähren.

Meine persönliche Meinung hierzu ist, dass es durchaus sehr unglücklich war, wie Herr Kahrs und auch offensichtlich einige andere Parlamentarier die Protestaktionen bewertet haben. Und ich glaube, dass die sehr guten Aktionen und die massive Öffentlichkeitsarbeit dazu geführt haben, dass es jetzt tatsächlich noch Besserungen gibt.

Meiner Meinung nach sollte die Stoßrichtung sich jetzt aber auch darauf verlagern, in den nächsten Wochen im Vorwege noch einige Verbesserungen einzubringen. Die Veranstaltung gestern brachte einige weitere Punkte zu Tage, die Frau Nahles aufnahm und in diesem Projekt noch einfließen lassen will. Und auch für die Zukunft sind weitere Verbesserungen möglich, es wurde z. B. das Finnische Modell angesprochen, bei dem es darum geht, ein pauschales Budget zur Verfügung zu haben, mit dem der Mensch mit Behinderung selbst einen Teil des Assistenzbedarfs regeln kann.

Am 07.11. findet eine Anhörung im Sozialausschuss des Bundestages statt. Wer daran teil nimmt und gehört wird, sollte sich meiner Meinung nach bemühen, am bestehenden Entwurf noch Verbesserungen einzufordern, aber das Gesetz als solches ganzes nicht mehr pauschal abzulehnen. Das Gesetz wird kommen, denn wenn es nicht kommt (siehe oben), hängen wir weitere 10 Jahre mit den alten Regelungen und finanziell katastrophalen Regelungen an.

Weitere Eindrücke

Erfrischend empfand ich, dass Frau Nahles sich nicht in Allgemeinplätzen erging, wie es ja häufig bei Auftritten vor der Presse stattfindet. Hier fand eine von der SPD organisierte öffentliche Veranstaltung für Betroffene und Interessierte statt, und der Umgangston war demzufolge direkter, teils sogar kollegial, weil viele in der Behindertenassistenz engagierte Menschen, die dort waren, anscheinend auch SPD-Mitglieder sind. So bekamen wir eine sehr direkte Kommunikation hin, und ich hatte über weite Strecken auch das Gefühl, dass Frau Nahles Dinge weder medial dramatisierte noch in Floskeln verklausuliert beschönigte. Sie sagte selbst, dass das Gesetz nicht perfekt ist und dass leider eben nicht alle Vorstellungen der Gruppen, die an der Entstehung des Gesetzes beteiligt waren, berücksichtigt werden konnten. Die gesamten Wünsche hätten ihrer Aussage zu Folge ein Volumen von 20 Milliarden Euro gehabt. Als dann die Gruppen gebeten wurden, die wichtigsten drei Punkte aufzuschreiben, stellte man fest, dass es übergreifend sehr viel Konsens gibt, aus denen dann das Gesetz geformt wurde. Als Beispiel nannte Frau Nahles die Peer-Beratung.

Auch einen weiteren Punkt fand ich bemerkenswert: Frau Nales scheute sich nicht, ganz klar zu betonen, dass das Gesetz zum Ziel hat, weg von den Verbänden hin zu den Individuen zu kommen. Sie sagte, dass auch Untersuchungen in ihrem Haus gezeigt hätten, dass da viel Geld in den Verbänden versackt, das besser den Menschen mit Behinderung selbst zu Gute kommen soll. Und dass sie dafür auch deutliche Kritik von den Verbänden bekommen hat. Dies sagte sie sehr offen, obwohl im Lauf der Diskussion auch deutlich wurde, dass Vertreter solcher Verbände im Publikum saßen.

Fazit

Ich werde den Hashtag #NichtMeinGesetz in Zukunft nicht mehr verwenden. Ich glaube, dass das Gesetz so wie es ist längst nicht perfekt ist, aber etwas, auf dem man dann aufbauen kann. Nur liegt es auch an uns Betroffenen, da jetzt umzuschwenken und im eigenen Interesse anders zu agieren als bisher. Eine pauschale Ablehnung des Gesetzeswerkes ist nicht (mehr) zielführend.

Kommunikation mit Aspies leichter gemacht

Seit dem 15.12.2012 gibt es, ausgelöst durch einen Bullshit-Artikel auf Spiegel Online, sowohl einen berechtigten massiven Protest von Menschen mit Autismus und deren Interessenverbänden als auch immer wieder und immer mehr Gespräche, die zu einem besseren Verständnis zwischen Autisten und Nicht-Autisten führen. Zu diesen Gesprächen soll dieser Blogeintrag beitragen. Über den Bullshit von Spiegel, Blick und BILD haben Mela, der Querdenker, Autzeit, Hawkeye und andere in den letzten Tagen ausführlich gebloggt. Das brauche ich hier nicht zu wiederholen.

Vorbemerkung: Ich selbst bin Angehöriger einer Frau mit Asperger-Syndrom, welches ein Teil des autistischen Spektrums ist. Genauere Informationen, was Autismus ist und auch nicht ist, findet sich u. a. in einem Beitrag bei RollingPlanet.

Im folgenden möchte ich einige Hinweise und Ratschläge geben, die vielleicht dazu beitragen können, die Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen mit Autismus und solchen ohne zu erleichtern. Ähnlich wie bei Blinden (nicht einfach irgendwo hinzerren, wenn man ihnen den Weg zeigen möchte) oder Rollstuhlfahrern (nicht einfach den Rollstuhl irgendwohin schieben, weil man vermeintlich helfen möchte) gibt es einige einfach zu befolgende Dinge, die in vielen Fällen Missverständnisse vermeiden helfen können.

Kommunikation

Eine der Schwierigkeiten, die Menschen mit Autismus häufig haben, ist die zwischenmenschliche Kommunikation auf allen Ebenen außer der rein sachlichen bzw. wortwörtlichen Ebene. Häufig haben Worte, Redewendungen o. ä. mehrschichtige Bedeutungen. Neuro-typische Menschen, also solche ohne Autismus, verstehen diese mehreren Ebenen intuitiv, aus dem Bauch heraus. Menschen mit Autismus müssen hier fast immer eine intellektuelle Leistung vollbringen, um die verschiedenen Schichten einer Aussage zu entwirren.

Nehmen wir uns mal diese Redewendung vor: „Woran machen Sie das fest?“ „das“ kann zum Beispiel eine beliebige Feststellung sein. Die Frage lautet im eigentlichen Sinne: „Welche Gedanken führen zu Ihrer Schlussfolgerung?“ Menschen ohne Autismus wissen dies sofort einzuordnen. Es muss keine Transferleistung erbracht werden, weil das Bauchgefühl bzw. der automatisch arbeitende Interpreter weiß, was gemeint ist. Dieser Mechanismus fehlt bei den meisten menschen mit Autismus. Sie müssen sich antrainieren, dass „Woran machen Sie das fest?“ nicht bedeutet, dass nach einem festen Gegenstand gefragt wird, an dem man einen anderen Gegenstand festbindet (z. B. ein Boot an einem Steg, ein Fahrrad an einem Fahrradständer usw.). Es ist auch nicht gemeint: „An welchem Gegenstand soll der Gedanke festgebunden werden?“ Sondern es muss übersetzt werden, dass „das“ der Gedanke, die Schlussfolgerung ist und dass das Festmachen hier im übertragenen Sinn gemeint ist, nämlich dass nach der Grundlage einer Schlussfolgerung, den Gedankengängen, die zu einem bestimmten Ergebnis geführt haben, gefragt wird.

Andere Beispiele sind emotionale Zwischentöne. Ein Klassiker ist: „Was ist los?“ – „Es ist nichts los!“ Diese Antwort besagt in vielen Fällen, dass sehr wohl ein Problem vorliegt, die antwortende Person aber darüber in diesem Moment nicht reden möchte. Dass dies in der Regel damit einher geht, dass die antwortende Person zusätzlich sauer, wütend, verletzt o. ä. ist, wird implizit als bekannte Tatsache vorausgesetzt. Die Antwort heißt also im Klartext: „Ich bin sauer/wütend/verärgert/verletzt und will darüber jetzt nicht reden.“ Die Aussage „es gibt kein Problem“, die aber wortwörtlich getroffen wird, wird von Menschen mit Autismus jedoch für bahre Münze, also als genau so gemeint, aufgefasst. Erst durch teilweise jahrelanges Training und dem Sammeln von Erfahrungen wird vielleicht beim einen oder anderen Menschen die Vielschichtigkeit dieser Aussage erfasst. Im Umkehrschluss bedeutet natürlich nicht in jedem Fall, dass „es gibt kein Problem“ immer diese Vielschichtigkeit hat. Manchmal meinen neuro-typische Menschen diese Aussage tatsächlich wörtlich!

Randbemerkung: Diese Missverständnisse gibt es nicht nur zwischen Menschen mit Autismus und solchen ohne, sondern auch allgemein vor allem in Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Während die überwiegende Mehrzahl der männlichen Bevölkerung eher direkt und ohne Vielschichtigkeit kommuniziert, ist die überwiegende Mehrzahl der Frauen quasi Spezialistin in vielschichtiger Kommunikation. Entsprechend wird von ihnen auch erwartet, dass der männliche Beziehungspartner später auf sie zukommt, um das natürlich noch vorhandene Problem dann doch auszudiskutieren, die Partnerin zu trösten o. ä. Tut ein Mann dies nicht, weil er ihre Worte als genau das verstanden hat, was sie ausgesagt haben, ist der nächste Streit schon vorprogrammiert. Viele Männer lernen natürlich im Lauf der Zeit, auf die Zwischentöne oder sonstigen nonverbalen Signale der Partnerin zu hören und entsprechend zu reagieren. Aber auch von ihnen erfordert dies oft eine aktive Interpretationsleistung.

Es ist kein Zufall, dass viele Menschen mit Autismus äußern, mit Männern in der Regel besser kommunizieren zu können als mit Frauen, da die Kommunikation auf der sachlich-analytischen Ebene abläuft und nicht mit einem Satz gleich mehrere Bedeutungen verknüpft sind, aus denen immer die richtige herauszupicken selbst für viele neuro-typische Menschen fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Wie viel schwerer für Menschen mit Autismus, die jedes Wort analysieren, ihre Erfahrungen einfließen lassen und ihre Kenntnis über das Gegenüber einbauen müssen, um annähernd abschätzen zu können, was denn nun gemeint sein könnte!

Genauso passiert es häufig, dass Missverständnisse daraus entstehen, dass neuro-typische Menschen Menschen mit Autismus zu interpretieren versuchen. Der Mensch mit Autismus sendet eine verbale Botschaft, die genauso gemeint ist wie sie gesagt wird. Das ist in nahezu 100% der Fälle anzunehmen. Denn sich vorzustellen, auf welche Weise eine Aussage vielleicht interpretiert werden könnte, ist ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. Das neuro-typische Gegenüber interpretiert dann eine solche Aussage doch, entweder aus Unwissenheit, aus Reflex (weil man das ja so in Gesprächen macht), und schon ist ein Missverständnis da, denn die Botschaft ist beim Empfänger anders angekommen als der Absender sie gemeint hat, und der Absender versteht wiederum nicht, auf welche Weise seine Aussage interpretiert wurde, weil es doch so viele Möglichkeiten gibt.

Es täte den Menschen im Allgemeinen sehr gut, direkter miteinander zu sprechen, das ständige Interpretieren bleiben zu lassen und so Missverständnisse zu vermeiden. Dies betrifft Beziehungen aller Art, nicht nur partnerschaftliche, sondern auch geschäftliche, politische und andere.

Meine Empfehlung: Wenn Sie als neuro-typischer Mensch mit einem Menschen mit Autismus kommunizieren, egal welches Geschlecht dieser Mensch hat, gehen Sie davon aus, dass Ihr Gegenüber auf der sachlich-analytischen Ebene mit Ihnen spricht und nicht in irgendwelchen doppelt und dreifach transferierten Ebenen. Ihr Interpretationsversuch wäre in jedem Fall zum Scheitern verurteilt, denn die tatsächlich gemeinte Bedeutung wurde Ihnen durch den Absender schon direkt geliefert, ohne Schnörkel, ohne doppelten Briefumschlag. Umgekehrt gilt: Sprechen Sie direkt, lassen Sie im Zweifel auch jede Diplomatie aus dem Spiel und erwarten Sie nicht, dass Ihre Botschaft vom Gegenüber erst aus zwei oder drei Briefumschlägen herausgefischt wird, die alle mit unterschiedlichen Aufklebern für die Ebenen versehen sind, die Sie gemeint haben könnten. Das Gegenüber wird, je nachdem wie gut Sie sich kennen und Ihr Gegenüber gelernt hat, Sie zu lesen, Ihr Wort mehr oder weniger häufig für bahre Münze nehmen.

Gestik, Mimik

Der bedeutungsschwangere Blick, das verschwörerische Zuzwinkern, das einander Zunicken zweier Tatortpolizisten, und beide wissen, wer zuerst schießt, eine Handbewegung, und das Gegenüber weiß sofort bescheid. Ähnlich wie Blinden entgehen auch vielen Menschen mit Autismus diese nonverbalen Signale bzw. deren Bedeutung völlig. Es ist kaum feststellbar, was ausgedrückt werden soll, es findet keine offensichtliche Kommunikation statt. Gehen Sie also in der Regel nicht davon aus, dass ein Mensch mit Autismus Sie versteht, nur weil Sie auf eine bestimmte Weise schauen, auf eine Bemerkung hin mit einem irgendwie verzogenen Gesicht nicken, in einer bestimmten Situation eine Handbewegung nach rechts oder links machen. Das Signal wird in sehr vielen Fällen nicht beim Empfänger ankommen. Es gibt natürlich Menschen mit Autismus, die solche Gesten und Mimik verstehen, weil ihre Schwierigkeiten in anderen Gebieten zu finden sind, oder solche, die es durch jahrelanges Training zumindest bei manchen Menschen zu interpretieren gelernt haben. Aber ähnlich wie bei der verbalen Kommunikation gilt: Je direkter, desto besser!

Andere sensorische Wahrnehmung

Viele Menschen mit Autismus haben entweder über- oder unterempfindliche sensorische Wahrnehmungen. Bestimmte Filter im Gehirn funktionieren nicht so wie bei neuro-typischen Menschen. So ist die optische Wahrnehmung z. B. so ungefiltert, dass jedes kleine Detail eines Raumes aufgenommen wird, und sei es für den Anlass auch noch so unwichtig. In der Umgebung eines Gastronomiebetriebes werden die umgebenden Geräusche und Gespräche von anderen Tischen so laut wahrgenommen wie das Gespräch am eigenen Tisch. Die Filterung dieser unwichtigen Nebengeräusche funktioniert nicht. Stellen Sie sich eine Filmsequenz vor, in der sich zum einen keine Objekte im Hintergrund befinden, sondern alle Elemente eines Raumes gleich stark auf der Mattscheibe präsent sind und Ihnen nicht klar ist, was sich eigentlich im Vordergrund abspielt. Gleichzeitig sind alle Geräusche gleich laut, es gibt keine Differenzierung zwischen dem vordergründigen Gespräch und den normalerweise im Hintergrund vor sich hin rumorenden, aber vom neuro-typischen Gehirn weggeblendeten Geräuschen. Der Toningenieur hat alles gleich laut ausgesteuert und zwingt Ihnen die Geräusche auf, ohne Ihnen eine Chance zur Filterung zu geben. So, überspitzt dargestellt, können Sie sich ungefähr die Wahrnehmung solcher Menschen mit Autismus vorstellen, deren sensorische Filterung optischer und akustischer Reize nicht so funktioniert wie bei Ihnen.

Das gleiche gibt es natürlich auch beim Geruchs- und Tast- bzw. Berührungssinn. Geruchsempfindlichkeit kann bei einer starken Parfümierung bei Menschen mit Autismus zu einer sehr starken Belastung werden. Eine plötzliche Berührung kann sehr unangenehm sein und zu einem starken Schrecken führen.

Das Herausfiltern von unwichtigen Details ist eine intellektuelle Herausforderung, der sich viele Menschen mit Autismus jeden Tag in jeder Sekunde stellen müssen, in der sie irgendwo unterwegs sind. Das ermüdet. Ermüdet das Gehirn zu stark, und hören die Reize nicht auf, so kann dies zu einem sog. Overload, einer Überladung des sensorischen Inputs, führen. Das Gehirn ist dann nicht mehr in der Lage, die Filterung vorzunehmen, und alles strömt mit voller Wucht auf diejenige Person ein. Die Folge ist ein Fluchtreflex. Der sensorische Input muss sofort auf einen Wert möglichst nahe 0 heruntergefahren werden. Ein Mensch mit Autismus, der im Overload ist, ist zu fast nichts anderem mehr in der Lage, als diesem Flucht- und Schutzreflex Folge zu leisten. Jeder weitere Kommunikationsversuch würde in einem solchen Moment die Situation weiter eskalieren. In leichteren Formen oder wenn ein Overload zwar in die Nähe des Möglichen rückt, aber noch nicht eingetreten ist, können stressabbauende Maßnahmen wie leichtes Schaukeln, die Beschäftigung und Konzentration auf einen bestimmten Gegenstand oder Tätigkeit zu einer Beruhigung und Linderung der drohenden Symptome führen. Ist es jedoch soweit, dass ein Overload eingetreten ist, sollte ein Mensch mit Autismus in Ruhe gelassen, ihm eine komplette Rückzugsmöglichkeit gegeben werden. Nichts mehr hören, keine unnötigen Berührungen oder Gerüche, möglichst vielleicht auch noch ein abgedunkelter Raum, um die optischen Reize soweit wie möglich herunterzufahren.

All dies sind natürlich nur Beobachtungen aus eigener Erfahrung oder aus Erzählungen von Menschen mit Autismus aus meinem Umfeld. Wie bei allen menschlichen Befindlichkeiten gilt: Auf das Individuum kommt es an. Ähnlich wie Autismus selbst ein Spektrum ist, so sind auch die Ausprägungen, Symptome oder Bewältigungsstrategien eines sensorischen Overloads sehr unterschiedlich.

Wenn Sie also einen Menschen mit Autismus sehen, der den Eindruck macht als stünde er gerade sehr unter Stress, unterdrücken Sie bitte Ihren Reflex, unbedingt helfen zu wollen! Sie helfen einem solchen Menschen am besten, indem Sie gar nichts tun, sondern ihn einfach in Ruhe lassen. Wenn er Ihre Hilfe braucht, wird er es Ihnen sagen oder anders, zum Beispiel schriftlich, weil sprechen gerade nicht möglich ist, mitteilen.

Fazit

Ich hoffe, diese Ausführungen helfen dem einen oder anderen Leser in der Zukunft, wenn es um eine möglichst reibungslose Verständigung zwischen Menschen ohne und mit Autismus geht! Die wichtigsten Faustregeln lauten: Kommunizieren Sie möglichst direkt und ohne viel Interpretationsspielraum, interpretieren Sie selbst das Gesagte nicht unnötigerweise, und erwarten Sie nicht, dass Gestik und Mimik immer sofort verstanden werden. Stellen Sie nie zu viele Fragen auf einmal. Sollte sich eine Person mit Autismus in einem Zustand des Overloads befinden oder darauf zusteuern, tun Sie Ihr mögliches, um den sensorischen Input zu reduzieren und reagieren Sie nur, wenn Sie darum gebeten werden und lassen Sie die Person ansonsten einfach in Ruhe. Wenn die neuro-typischen Menschen unter uns, mich eingeschlossen, diese Dinge in Zukunft mehr beachten, werden wir unseren Mitmenschen mit Autismus den Umgang mit uns und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erleichtern und allgemein das Risiko für Missverständnisse erheblich mindern!

Kommentar: Stellt die EU endlich auf echte staatliche Füße!

Das Gerangel um das Freihandelsabkommen mit Kanada, CETA, die gleichfalls stockenden Verhandlungen über das Abkommen mit den USA TTIP, und viele andere kleine und große Baustellen zeigen, dass die EU politisch so, wie sie ist, nicht mehr funktioniert. Sie braucht dringend eine Neuordnung und einen Paradigmenwechsel. Ein Kommentar. „Kommentar: Stellt die EU endlich auf echte staatliche Füße!“ weiterlesen