Sexualbegleitung – eine Verhöhnung der potent(iell)en Kundschaft

Über diesen Tweet von Reinhard Leitner aus Wien bin ich heute Morgen auf ein Thema in wiend.at-Forum gestoßen, zu dem ich selbst etwas beitragen wollte.

Nachdem ich meinen Beitrag geschrieben hatte, stöberte ich noch etwas weiter in der Forumsabteilung „Behinderung und Sexualität“ und fand diesen Beitrag mit dem Titel „Warum sind die Sexualbegleitungsangebote so unerotisch?“.

Der Begriff „Sexualbegleitung“ war mir bis dato noch nicht über den Weg gelaufen. Ich befragte „Tante Google“ und stieß auf die Seite sexualbegleitung.org und die offenbar eng damit verknüpfte Seite des Instituts zur Selbstbestimmung Behinderter.

Und was ich hier lesen muss, entsetzt und macht wütend! Da gibt es so Absätze wie diesen hier:

Sexualbegleitung unterscheidet sich von der klassischen Prostitution in folgenden Aspekten:
Sexualbegleitung ISBB wird im Kontext psychotherapeutischer Reflektion der MitarbeiterInnen geleistet. Ausbildung und Supervision stärken die Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter im ISBB.
SexualbegleiterInnen ISBB nehmen Honorar für eine zwischenmenschliche Begegnung, die offen ist für sexuelle Kommunikation verschiedenster Art. Ziel bleibt die reflektierte Persönlichkeitsentwicklung des Kunden bzw. der Kundin.
SexualbegleiterInnen ISBB sind frei von kulturellen Hilfereflexen, die den behinderten Menschen per se als hilfsbedürftig ansehen und sich selbst als zur Hilfe verpflichtet. Ohne Auftrag des Kunden handeln SexualbegleiterInnen nicht für ihn und nehmen ihn daher ernst.
SexualbegleiterInnen ISBB würden niemals einen Kunden wegen irgendeiner körperlichen oder geistigen Einschränkung ablehnen.
SexualbegleiterInnen ISBB sind verpflichtet zur ehrlichen Kommunikation Ratsuchenden gegenüber. Das bedeutet auch manchmal, dem Kunden (in aller Wertschätzung) unangenehme Rückmeldungen zu geben, als Förderung seiner Chancen, sich außerhalb der Sexualbegleitung sexuelle und partnerschaftliche Beziehungen aufzubauen.

Allein betonen zu müssen, dass SexualbegleiterInnen zur „ehrlichen Kommunikation Ratsuchenden gegenüber“ verpflichtet sind, ist ein blanker Hohn! Das wäre ungefähr genauso wie wenn ein Unternehmen, das nur drauf aus ist, seine Kunden übers Ohr zu hauen, sich als „seriöses Unternehmen“ bezeichnet. Man kann also davon ausgehen, dass die Kommunikation darauf ausgerichtet ist, den behinderten Kunden Honig um den Bart zu schmieren, ihnen das Gefühl zu geben, ihnen würde sonstwie qualifiziert geholfen, nur um ordentlich abzukassieren. €100 pro Stunde pauschal, plus Anfahrtskosten werden auf den Seiten genannt.

An anderer Stelle wird erwähnt:

Zur Vermittlung nutzen wir die Lehren und Anleitungen aus der tantrischen Tradition. Rituale sind uns wichtig, auch um deutlich zu machen, dass die Begegnung mit uns anders ist als der Alltag.

Es ist die Unehrlichkeit, die mich so wütend macht. Ein Escort-Service sollte auch als solcher bezeichnet werden. Denn nichts anderes ist es, was sich hinter dem mit allerlei sozialpädagogischem Geschwafel verschleierten Angebot von www.sexualbegleitung.org verbirgt:

  • Ein Escort-Service
  • ein mobiler Puff
  • Auslebung eines Fetisch gegen Bezahlung

Es ist nichts verwerfliches daran, sexuelle Dienstleistungen anzubieten und zu erwähnen, dass man auch auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen eingerichtet ist, wie man dies in der Beschreibung des stationären Bordells – ähem entschuldigung – Gäste-/Tagungshauses nachlesen kann.

Verwerflich ist der Versuch, die potent(iell)e Zielgruppe für dumm verkaufen zu wollen, indem das Kind nicht beim Namen genannt wird. Dies stellt ein entmündigendes Verhalten gegenüber den Menschen mit Behinderungen dar, das durch nichts zu rechtfertigen ist.

Für diese offensichtliche Verschleierungstaktik fällt mir nur ein Grund ein: Die Möglichkeit, Förderungen von staatlicher Seite zu bekommen, vermutlich sogar noch mit Verweisen auf das Antidiskriminierungsgesetz.

Eine so offensichtlich ausbeuterische und entmündigende Geschäftspraktik ist in höchstem Grade unanständig, weil sie mit einem natürlichen Bedürfnis von Menschen mit Behinderung nach Nähe, Zärtlichkeit und sexueller Befriedigung spielt als wäre es das mehr oder weniger abstrakte Kapital eines Aktionärs. Pfui Deibel!

15 Gedanken zu „Sexualbegleitung – eine Verhöhnung der potent(iell)en Kundschaft“

  1. Was ich auch interessant finde: es gibt kein „Recht auf Koitus“, d.h. ich könnte für 100 Euro pro Stunde zzgl. Anfahrtskosten mit jemanden über Sex reden. Wenn überhaupt. Da kann ich nur noch den Kopf schütteln…

  2. Hi Marco,

    ich möchte da ungern was zurecht rücken, aber fühle mich doch dazu verpflichtet. Die Sache mit Sexualberatung und Sexualbegleitung entstand aus der Selbsthilfe Körperbehinderter heraus. Körperbehinderte Menschen haben und hatten es oft schwer, sexuelle Erlebnisse zu haben. Das hat zum Teil auch mit ihrer Behinderung zu tun, zum Beispiel Menschen mit verkrümmten Gliedmaßen usw. Es ist dann eine andere Art der sexuellen Betreuung notwendig als Bei Menschen, die vielleicht trotz fehlendem Sehvermögen einfach ins Bordell gehen können. Daraus entwickelte sich im ISBB, was tatsächlich eine Selbsthilfeorganisation ist, wo praktisch nur behinderte Menschen arbeiten, eine Serie von Schulungen zum Thema Sexualität und Erotik. Dort werden auch sogenannte Erotikworkshops angeboten. Aus diesem Umfeld entstand auch die Sexualbegleitung. Sie versteht sich tatsächlich als eine Dienstleistung ohne direkte Prostitution, die voll auf die Bedürfnisse behinderte Menschen abgestimmt ist und daher eine besondere Schulung erfordert. Diese Schulung wird von Betroffenen vorgenommen. Man kann durchaus kritisieren, dass dort kein lustvolles, sondern verquer pädagogisches Denken vorherrscht, bei dem mir jede Lust auf Sex und Erotik verginge. Aber das ist typisch für verknöcherte und ideologisierte Selbsthilfe. Ein normaler „mobiler Puff“, bei dem behinderten Menschen „Honig um den Bart“ geschmiert wird, ist der Dienst dennoch nicht.

    Schöne Grüße

  3. Hallo Jens,

    vielen Dank für diese ergänzenden Infos! Meine Kritik bleibt bestehen, das ganze müsste ganz anders aufgezogen werden, um auf mich, der ich ja auch behindert bin (zwar nicht körperbehindert, aber allgemein) wirklich seriös zu wirken. Auf einer Seite der Site sexualberatung.org steht z. B. auch „Wir haben uns mit unserem helfersyndrom auseinandergesetzt“. Ich hab nur gedacht: „Ach ja, und wir leben es jetzt voll aus.“

    Viele Grüße zurück,
    Marco

  4. Hallo zusammen,

    ich habe einige Jahre im ISBB an Workshops teilgenommen. Einmal als Teilnehmerin und zum anderen auch als Moderatorin. Die Sexualität behinderter Menschen, vor allem körperbehinderter Menschen und von Menschen mit Lernschwierigkeiten ist so stark tabuisiert, dass in der vor allem nichtbehinderten Umwelt nur solche Konzepte, wie sie das ISBB anbeitet, akzeptiert werden. Es ist ein Grundproblem, dass das Leben behinderter Menschen von der Wiege bis zur Bare therapeutisiert wird. Ein kluger Mensch hat mal gesagt: „Wenn ich mit einem Behinderten in die Kneipe gehe, um ein Bier zu trinken, wäre das für manchen eine „Biertrinktherapie“!.

    Ich sehe darin das zentrale Problem! Solange das Leben behinderter Menschen, egal in welchem Bereich als pathologisch unnormal etc. betrachtet und behandelt wird, kommen wir auch von dieser nach außen hin stattfindenden Therapeutisierung nicht weg. Das ISBB versucht die Aktzeptanz in der Öffentlichkeit über diese Schiene herzustellen. Das „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht Naß“ Phänomen führt leider dazu, dass das ISBB sich in dem Balanceakt zwischen öffentlicher Akzeptanz und bestmöglicher Unterstützung der KundInnen befindet. Ich kenne die Sandforts gut genug, um sagen zu können, dass ihre absichten lauter sind und ich habe insbesondere von Lothar Sandfort, querschnittgelähmter Diplompsychologe sehr viel gelernt. Meine eigene Arbeit für Lustvoll-Leben-Marburg e.V. fußt darauf.

    Für viele behinderte Leute, ist der oben angesprochene Coitus gar nicht, oder nur schwer möglich. Auch haben wir es häufig mit Traumatisierungen bei behidnerten Menschen im Bereich Pflegeabhängigkeit und auch im sexuellen bereich zu tun. Die sozialisationsbedingte Reifeverzögerung, die durch die Tabuisierung des Themas entsteht, also von der nichtbehinderten Umwelt künstlich herbeigeführt wird, macht einen Schutzraum notwendig, der Menschen, die ihre Sexualität als normal entwickelt betrachten, komisch anmutet. Eben, „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß!“

    Wichtig ist hier das Konzept der Alltagserotik. Behinderte Menschen, deren körperliche Einschränkungen bestimmte „normale“ Sexualpraktiken nicht möglich machen, wie z. B. den Coitus, finden in der Alltagserotik, wie sie vom ISBB und auch von Lustvoll-Leben-Marburg e. V. propagiert wird, eine lebbare Alternative und die Möglichkeit sich dem Thema Lustvoll, behutsam und sicher vor Gewalt und Übergriffen wieder, bzw. neu annähern zu können.

    Das täuscht natürlich nicht darüber hinweg, dass auch ich manchmal frustriert darüber bin, eben in meiner eigenen Arbiet, dass sich in den letzten Jahren am Grundprinzip und an der Tabuisierung wirklich nix geändert hat. Schön, es wird häufiger und ausführlicher darüber gesprochen. Und die Medien schlachten es geradezu aus. Da vergehts mir dann wirklich!

    Als wir 2009 bei einer Podiumsdiskussion an der Uni Giessen waren, wurde ich auf das Podium eingeladen, als Expertin der Selbsthilfe für meinen Verein. Ich fragte die Organisatorin, ob ich mich fachlich fundiert vorbereiten, und mich an Aktualitäten anpassen müsste. „Nein“, meinte sie, „das schüttelst Du aus dem Ärmel“! Also die üblichen allgemeinplätze, Lippenbekenntnisse und Forderungen der Selbstbestimme-Leben-Bewegung, die aber an der Grundsituation nix ändern…

    Ich habe schon immer das zentrale Problem so benannt: Das Lippenbekenntnis nach außen heißt: „Klar haben behinderte Menschen Sexualität! Klar haben sie ein Recht darauf!“ Und hinterm Rücken ein Kreuz machend, denken Viele: „Aber damit soll niemand zu mir kommen!“ Und, „In meiner Familie kommt das nicht vor!“

    Ihr hört hier meine Frustration heraus. Das ISBB macht seine Arbeit, so gut es kann. Die Sandforts sind für Kritik immer dankbar und auch aufgeschlossen. Vielleicht sollte jemand den Mut haben, sie direkt anzusprechen.

    Zum Abschluß dieses längeren Kommentares bleibt mir nur das Problem Dialog der Selbsthilfe mit den Betroffenen und den nichtbehinderten Strukturen, in denen Wir oft auch gefangen sind, zu thematisieren und die Auseinandersetzung damit anzumahnen. Solange behinderte Menschen zwischen Selbsthilfe und nichtbehinderter Umwelt oft zerrieben werden, weil die Ansichten und Vorgehensweisen so stark auseinanderdriften, wird sich nix ändern.

    Ich habe in meiner Arbeit eines gelernt: Die Frage nach selbstbestimmter Sexualität zieht einen langen Rattenschwanz an Problemen nach sich, die behutsam und in Schutzräumen bearbeitet werden müssen. So blöde es auch klingt: Wenn Einrichtungen, Eltern oder andere Betreuer ihre „Schützlinge“ ins ISBB schicken, dann ist die Voraussetzung für empfundene Seriösität, dass nix passiert, was schweinisch ist, oder zu „erbkrankem Nachwuchs“, führen könnte, von zentraler Bedeutung. Es soll aber, vor außen so inovativ, bzw. Nichtbehindertenkonform sein, dass allen die Brust schwellen kann, wie toll und Fortschrittlich doch alle sind!!! Denn, die Geldgeber sind i.d.R. von nichtbehinderten geführte Organisationen. Sorry für den Zynismus. Aber genauso läuft es! Und dann ist die Erlaubnis sich zumindest Appetit zu holen und als Betroffener mit einer schwereren Behinderung überhaupt das Thema ankratzen zu dürfen, schon mehr als die meisten Nichtbehinderten aushalten können. Dem muss das ISBB Rechnung tragen, will es existieren.

    Die Vermutung mit den öffentlichen Geldern ist schwierig, da das ISBB sich meines Wissens nach fast nur privat und durch Einnahmen aus dem Gästehaus und den Seminaren und anderen Angeboten finanziert. Förderung gibt es wohl gelegentlich punktuell von der Aktion Mensch o.ä. An der Sexualbegleitung verdienen die Sandforts nichts. DEshalb seid bitte vorsichtig mit Anschuldigungen bezüglich eines verdeckten Bordelles o.ä.

    Dass sich ggf. an dem Konzept was verändern müßte, steht allerdings außer Frage!

    Liebe Grüße von Susanne!

  5. Hallo in die Runde!

    Auch wenn die Diskussion hier schon vor einigen Tagen stattgefunden hat, möchte ich doch (wenn auch etwas verspätet) meinen Teil dazu beitragen.

    Ich oute mich hier mal als Erstes als Nichtbehinderter, naja, vielleicht klappt das manchmal mit dem Denkvermögen nicht so … 😉

    Zudem möchte ich voraus schicken , dass ich Marcos Eingangsbemerkungen uneingeschränkt zustimme. Als ich mich auf seinen Tipp hin auf den Seiten des ISBB umgeguckt habe, ist mir die Hutschnur hochgegangen – und wenn ich den Kommentar von Susanne lese, entweicht diese Hutschnur so weit, dass diese selbst von einem äußerst begabten Hochspringer maximal mit einem leistungsfähigen Trampolin wieder herunter geholt werden könnte.

    Damit das hier nicht zu lang wird, werde ich mich auf einige wenige Punkte beschränken. Susanne schreibt, dass man mit Anschuldigungen bezüglich eines verdeckten Bordelles vorsichtig sein solle. Ich will das mal so sagen, von einem „verdeckten“ Bordell hat hier niemand außer Susanne was geschrieben. Das ist ein Bordell, und dazu ein Bordell ohne Anspruch auf maximal (für den jeweiligen Behinderten und seine Einschränkung) mögliche Gegenleistung. In einer Selbsthilfeeinrichtung 100 € für im Zweifel nichts und wieder nichts zu verlangen, da könnte man durchaus den guten alten § 138 BGB aus der Kiste holen.

    Um den Lesenden das Kramen im Gesetzeswerk zu ersparen, es geht schlicht um sittenwidrige Rechtsgeschäfte, um Wucher, es grenzt zumindest daran – und hier der Gesetzestext dazu:

    (1) Ein Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstößt, ist nichtig.
    (2) Nichtig ist insbesondere ein Rechtsgeschäft, durch das jemand unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen.

    Auf den Seiten des ISBB und auch im Kommentar von Susanne werden auch einige der in $ 138 (2) BGB genannten Voraussetzungen als Begründung herangezogen, warum Sex gegen Geld – und für manchen Behinderten sicher richtig viel Geld (vielleicht sprengt es sogar sein Budget) – angeboten wird. Die Beurteilung der Relevanz des § 138 BGB überlasse ich dem Lesenden. Und um auch das noch zu sagen, den § 291 StGB habe ich gar nicht erst aus der Kiste geholt.

    Ich möchte im Rahmen dieses Kommentars nicht auf alle Punkte, die Susanne aufgeführt hat, eingehen, denn dann hätte ich für heute eine abendfüllende Beschäftigung.

    Auf drei Punkte möchte ich eingehen:

    Der Kommentar birst vor Betroffenheitsrhetorik, sei es geschrieben als behinderter Mensch an sich und/oder aber als einer Person, die eine ökonomische Marktlücke für sich entdeckt hat und diese jetzt mit der entsprechenden sozialpädagogischen Argumentation rechtfertigen will. Ob das gelingt, ist wieder eine andere Frage.

    Wenn ich für mich insbesondere den letztgenannten Punkt mal negiere, dann wird immer noch die typische Minderheitenrhetorik sichtbar – und diese Rhetorik führt dazu, dass beklagte Zu- und Umstände eher betonisiert als aufgelöst werden. In aller Klarheit möchte ich feststellen, dass sich dieser Punkt auf alle Minderheiten (ob behindert oder nicht) bezieht. Das Problem ist, dass sich bei all diesen Gruppen Ideologie einschleicht, und das ist dann von Anbeginn an das Ende jeder pragmatischen Lösung.

    Aber zu meinem zweiten Punkt: ich frage mich allen Ernstes, was ich unter dem Konzept der Alltagserotik verstehen soll. Ich persönlich falle jedenfalls nur äußerst selten an einer Fußgängerampel oder wo auch immer im Alltag über einen anderen Mensch zum Zweck des Austausches von Körperflüssigkeiten her, um meine Triebe zu befriedigen. Sorry, Susanne, aber dieser Terminus ist nun wirklich „SozPädGewäsch“. Ich kann mir ja vorstellen, was gemeint ist, aber genau solche Formulierungen tragen für mich dazu bei, dass ich den vielleicht hehren Motiven, die der Sexualbegleitung zugrunde liegen, nicht folgen kann.

    Der dritte Punkt ist die Gott sei Dank auch von Susanne in Anführungsstriche gesetzte „Biertrinktherapie“. Wenn ich mit Marco einen Kaffee oder ein/zwei/drei Southern Comforts trinken gehe, dann handelt es sich weder um eine Kaffee- noch um eine Likörtherapie. Eventuell benötigt einer von uns oder auch wir beide am nächsten Tag eine Therapie in Form von einer oder zwei Aspirin, aber das gilt nur für den Southern Comfort. 😉
    Nun könnte man mir in diesem Fall entgegen halten, Ihr seid befreundet und so spielt Marcos Behinderung für Dich (Ralf) keine Rolle. Das könnte man, aber es wäre grundfalsch.
    Spontan habe ich beim Stichwort Biertrinktherapie an eine Veranstaltung gedacht, bei der ich vor der Tür auf einen Rollifahrer stieß, mit dem ich mich bei Bier und Zigarette sehr lange über kommunalpolitische Vorhaben unterhalten habe. Es wurden mehrere Bier und auch eine ganze Reihe vom zweiten Suchtmittel. Aber in Therapie waren weder er noch ich.

    So, das soll es jetzt mal aus Sicht eines Menschen ohne Behinderung gewesen sein.

    med vennlig hilsen
    Ralf

  6. Ralf, ich muss dir zustimmen, denn wenn ein Mensch eine Unternehmung mit mir als Therapie für sich oder für mich sieht, und glaube mir, Menschen mit Helfersyndrom strahlen das aus, wird dieser Mensch, egal ob behindert oder nicht, schwarz oder weiß, Mann oder Frau, Hundebesitzer oder nicht, aus meinem Leben verabschiedet. Natürlich ist hierbei die Vorrausetzung, dass man so etwas durchschauen kann. Bei einigen Behinderungen sehe ich da ein großes Problem, was natürlich zu hm, nennen wir sie mal, grenzwertigen Selbsthilfeeinrichtungen führt.
    Beklagt wird außerdem das Tabu. Wenn man sich aber nur in der eigenen „Randgruppe“ aufhält, kann ein Tabu ja gar nicht gelockert werden, weil die Mehrheit dann nichts von der Existenz weiß.

  7. Hello @ all,
    hier bin ich – der Reinhard, um den es ganz zu Beginn kurz ging ;-). Ich twitterte mit Marco ganz kurz über das Thema, er stieg dann aber nicht weiter darauf ein. Umso überraschter war ich, als ich heute zufällig über den Beitrag in seinem Blog drüberstieß. Wunderbar. So wird das Thema von einer weiteren Seite betrachtet.

    Ich sehe nicht nur Schattenseiten bei der Sexualbegleitung (die ohne Zweifel da sind), sondern kann ihr auch (gerade aus meiner Erfahrung mit Tantramassagen) positives abgewinnen. Für mich ging es als von Geburt querschnittgelähmter Mensch darum, mich selbst neu zu entdecken, alte Muster zu hinterfragen und neue Sicht- und Erlebniswelten zu erforschen. Ich wählte den Weg der Tantramassagen und habe auf diesem Weg mich neu kennen und fühlen gelernt. Hilfe von außen sollte nur eine Initialzündung, eine Kurskorrektur, ein neues, tieferes Erleben ermöglichen – eine Sexualbegleiterin (aus Wien – Ausbildung Libida/Alphanova, Steiermark – und nicht aus Trebel) meinte in meinem Forum einmal, dass sie hofft, dass ihre Arbeit mal überflüssig wird – und genau das soll es auch sein.

    Der Abschlusssatz von Janine gefällt mir sehr gut – lockern wir gemeinsam das Tabu auf 😉 und finden ein besseres und selbstbewussteres Selbstverständnis für uns, für andere in Bezug auf Sexualität und eigentlich noch viele andere Lebensbereiche.

  8. Heiko Kunert vom BSVH hat heute diesen Artikel getwittert, der unverblümt von Prostituierten im Zusammenhang mit Sexualbegleitern/Sexualassistenten spricht. Sehr lesenswerter Artikel, der das Bild weiter vervollständigt.

  9. Nun schlägt’s dem Fass doch den Boden aus. Gut, es wird in dem von Marco am 10.05.2010 verlinkten Artikel unverblümt von Prostitution gesprochen. Das ist ja schon mal ein Fortschritt.

    Aber mal kurz der Reihe nach:
    Aufgrund der vielen Kürzel unter dem Artikel gehe ich mal davon aus, dass dieser Artikel von mehreren geschrieben wurde. Also, die Autoren schreiben schlicht von Prostitution. Das ist ok. Herr Sandfort sagt, dass mancher Behinderte keinen Geschlechtsverkehr möchte, es sind Streicheleinheiten gefragt. Auch das ist ok.

    Was aber in keiner Weise in Ordnung ist und das habe ich hier ja schon einmal geschrieben, das ist das Preisgefüge. 100 € für eine Runde geknuddelt (nagut gestreichelt) werden, das ist an sich schon ein Hammer. Das sprengt wirklich jegliches Preis-/Leistungsverhältnis. Ich habe das hier mal ein wenig diplomatischer formuliert, inhaltlich bleibe ich dazu aber bei meiner Bewertung vom 27.04.2010.

    Und wozu mir im Grunde gar nichts einfällt, das ist das Thema „Sex auf Krankenschein“. Dann soll also in Zukunft mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen verhandelt werden, was die aufgewendete Zeit für erbrachte oder nicht erbrachte körperliche Dienstleistungen kosten soll und somit Eingang in den Pflege- bzw. Hilfsmittelkatalog finden. Das ist ein weiterer Beitrag zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen.

    Ich muss wirklich an mich halten, dieses Thema relativ sachlich zu behandeln. Sicher leben wir in einer Solidargemeinschaft, das ist keine Frage. Das muss auch so bleiben. Aber es gibt sicher wesentlich wichtigere Themen, die Eingang in die entsprechenden Kataloge finden müssten. Wenn ich richtig orientiert bin, dann ist bis heute in diesen Katalogen z.B. keine Prophylaxe in Bezug auf Dekubitus vorgesehen. Und das ist nur eines von vielen Beispielen.

    „Sex auf Krankenschein“, ich fasse es wirklich nicht. Denn das würde bedeuten, dass körperliche Zuwendung fast als Menschenrecht gesehen würde. Das hätte dann aber auch zur Folge, dass ein regelmäßiger Bordellbesuch auf für den alleinlebenden Hartz-IV-Empfänger in den Basissatz eingerechnet werden müsste. Ich weiß, der Vergleich hinkt – wie die meisten Vergleiche.

    Letztlich ist diese Forderung nach „Sex auf Krankenschein“ nichts anderes als der Versuch der in diesem Bereich tätigen Prostituierten, ihre Einkünfte zu maximieren und vor allem perspektivisch zu sichern. Ich sprach ja schon einmal die Ökonomie an – hier tritt sie offen zu Tage. Und wir sprachen doch von Selbsthilfe – oder ….?

  10. hat sich der herr zehe schon mal selbst die frage gestellt, ob er für knapp 25 euro NETTO die stunde (sexualbegleiter sind soz.vers. u. ekst-pflichtig) pro stunde mit einem menschen, der nicht gehen kann oder spastische bewegungen hat oder speichelt während des schwer verständlichen sprechens, auch nur zeit mit ihm verbringen würde? mit ihm in den für herrn zehe wahrscheinlich selbstverständlichen hautkontakt zu treten? nicht jede behinderung ermöglicht es, in FREIEN kontakt mit ALLEN mitmenschen zu treten um für sich selbst eine selbstbestimmte (und schöne) form von sexualität zu leben. gewiss ist es eine sache, ob man als behinderter mensch sexuelle bedürfnisse hat aber es ist eine ganz andere sache, diese bedürfnisse leicht und nach eigenen vorstellungen erfüllt zu bekommen.

    jeder der das glück hat, es sich aussuchen zu können, sollte froh darüber sein.

    sexualbegleiter – und hier meine ich keine therapeuten – sind sexworker, keine frage. aber der kunde entscheidet, ob und was er will. es wird niemandem etwas vorgespielt. die voraussetzungen für ein date bzw die grenzen FÜR BEIDE, werden vorher ganz klar vereinbart.

    dass sexualbegleiter oder -assistenten (meistens) eine spezielle ausbildung in bezug auf behinderung und umgang damit im sexuellen kontext haben, wird von keinem kritiker erwähnt. mag sein, dass sie es nicht wissen, nun jetzt wissen sie es. ein blog ist zwar ein freies medium, aber deshalb sollte man sich auch vorher präzise information holen, ehe man rundumschläge austeilt und nicht nur die unterstützer, sondern auch die betroffenen schlecht macht.

    lieben gruß
    ckj

  11. Gallo Zusammen,

    interessante Betrachtungsweisen. Besonders, wenn man sich für diese Sache interessiert.
    Bin selber schwerbehindert, aber so, dass ich „unauffällig“ bin. Gebrauche extra solch ein Wort und bitte es nicht misszuverstehen.

    Habe mich auch nach den Möglichkeiten der Ausbildung erkundigt. Bekam aber verklausuliert die Antwort ich sei zu alt. OK im „PASCHA“ in Köln arbeiten auch keine 50 jährige Sexarbeiterinnen. Die können nur noch als Domina arbeiten. Versuchen sich dann die „abgetackelten Fregatten“ unter dem Deckmäntelchen „Sozialarbeiter“ zu verdingen? Warum gibt es keine männlichen Sexualbegleiter?

    Per Definitionem ist es schon Prostitution, nämlich sexuelle Handlungen gegen Honorar. Ich finde Prostitution, die freiwillig und ehrlich ist in keinem Fall verwerflich oder gar unmoralisch. Ich finde es verwerflich, sich als Geliebte oder Ehefrau für ein Cabrio oder dergleichen hinzugeben.

    Gruß

    Cassandra

    Alles, was ich in kurzer Zeit über diesen „Beruf“ in Erfahrung bringen konnte, läßt mich Abstand davon gewinnen.

  12. Ich finde die Debatte und auch den Blog-Beitrag leider viel zu flach und nicht durchdacht. Wie denn auch, hast ja nur einen Tag drüber nachgedacht und dich offenbar nicht mal wirklich informiert!

    Falls noch interesse am Thema besteht, kann ich folgende Bachelor-Arbeit empfehlen, die zwar auf eine andere Klientel, nämlich demente Menschen, eingeht, aber trotzdem interessante Einblicke bietet:
    http://opus.haw-hamburg.de/volltexte/2011/1413/pdf/WS.Pf.BA.AB11.35.pdf

  13. Hallo,

    ich find das auch immer blöde, wenn man keine wirkliche Ahnung hat und dann aber drauf los posaunt… Hat einer von Euch denn mal probiert mit einem speichelnden Spastiker in ein „normales“ Bordell zu gehen??? Nein?
    Ach ne, ich schon, und nein, wir kamen ins keines rein und das, obwohl der Großraum Mannheim und Ludwigshafen und auch Mainz dabei war. Ich bin Betreuer und auch unsere Dpwn-Syndrom-Klienten können keinen käuflichen Sex bekommen, da heißt es lapidar, sie sollen heimgehen spielen… Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was es für diese Männer, die ja trotz allem Männer sind, bedeutet, nie mal eine Brust anfasssen zu können oder mal im Intimbereich gestreichelt zu werden. Ich berteue Klienten, die so schwer geschädigt sind, das sie nicht in der Lage sind, zu masturbieren, weil die Hand nicht hinreicht. So, und was dann? Nach Trebel sollen sie nicht, richtige Beziehungen finden sie nicht, und zu örtlichen Prostituierten können sie nicht. Sollen sie die Sehnsucht , Leidenschaft, Erregung, etc. ausschwitzen?

    Darüber hat sich anscheinend keiner der „Urteiler“ oben mal Gedanken gemacht! Keiner muss dorthin fahren, aber unsere Klienten tun es gerne, sie freuen sich, das sie mal jemand eincremet, nicht weil sie wund sind, sondern damit sie schöne Gefühle bekommen, oder das sie mal eine Brustwarze ablecken können, zu zweit ins Bett gekuschelt liegen können. Und dafür gönnen sie ihrer Sexualbegleiterin auch mal die knapp 30,– Euro, die da pro Stunde hängen bleiben.
    Ich hab da auch mal so stumpfsinnig geurteilt, klar, ich hab es ja auch nicht nötig, aber dann habe ich unsere Klienten auf ihren Wunsch hin begleitet und es war nicht so plump, wie es hier rüber kommt.
    Vielleicht haben wir ja alle Glück und irgendwann ist ISBB nicht mehr nötig, weil nichtbehinderte Menschen auch sexuelle Beziehungen zu behinderten Menschen haben, aber ich glaube es nicht wirklich…

    Ansonsten, nicht feige in einem Block von etwas hetzen, was man selbst glücklicherweise nicht in Anspruch nehmen muss, sondern einfach ma anklingeln, und sich informieren, oder auchmal hinfahren und sich ein eigenes Bild von machen.
    Otto

    PS: Gibt auch einen Film darüber, auch mit kritischen Stimmen, wäre vielleicht auch mal nicht schlecht.

    PS2: Unsere körperlich nicht arg eingeschränkten Klienten haben und hatten dort auch normalen Geschlechtsverkehr, wenn sie es wünschen, es ist also nicht nur „lahmes Geschmuse wie bei Muttern“ für 90,– Euro…

  14. Hmmmm. Ich sehe das überhaupt nicht so wie die meisten hier. Eher wie Otto. Hatte nämlich eine Rollstuhlfahrerin als Partnerin, eben auch sexuell. Das war sehr intensiv, schwer zu beschreiben aber letzlich habe ich es wirklich genossen. Das habe ich sie auch spüren lassen und sie konnte Sex genauso geniessen wie jede andere Frau auch. Sie hat mir viel gegeben, was ich in sog. normalen Beziehungen so aber nich kannte. Das ging aber nicht so „hopp hopp“. Da sind schon Steine im Weg, sollte man sich eigentlich denken können.

    Ob man jetzt pauschal alles als Prostitution bezeichnet, also auch das was das ISSB anbietet, ist mir eigentlich egal. Es gibt ganz ähnliche Angebote für Nichtbehinderte, die aber auch Probleme mit Ihrer Sexualität haben und Ihren Körper wierde spüren lernen wollen. Wäre ja dann auch Prostitution, oder? Jedenfalls habe ich schon Interesse mich dort mal zu informieren, das was sie anbieten kommt mir mit meinem Hintergrund absolut sinnvoll vor.

    Wenn jemand schon so weit ist eine Prostituierte zu rufen finde ich das o.k.

    Denke das ist für Außenstehende nicht so nachzuvollziehen

  15. Unabhängig davon ob es verwerflich ist oder nicht kann man der Argumentation einer Ausbeutung iSd §138 BGB nicht folgen. Man sollte normale Massage- bzw Physiotherapeutische Kosten als Vergleichsbasis nehmen. Bei einer 60min Therapie ist man leicht bei 60-80 Euro. Die angepriesenen 100 Euro als „Abzocke“ darzustellen ist demnach deutlich überzogen. Es scheint mir auch logisch, wenn „Behinderte“ nach einer solchen Behandlung geistige und körperliche Spannungen abbauen.

Was denkst Du darüber?