Blind ist nicht gleich blind

Gestern entspann sich auf Twitter eine Diskussion, nachdem Heiko Kunert diesen Artikel getwittert hatte. Die zentrale Frage war, was Farben für Blinde bedeuten.

Und es wurde, nicht zuletzt durch einen Passus im Artikel selbst, klar, dass blind nicht zwangsläufig gleich blind ist. Der im Artikel benannte Alf Michael Conrad und Heiko konnten mal sehen, ich hingegen bin geburtsblind, d. h., ich bin schon blind geboren. Heiko und Alf Michael haben eine aktive Erinnerung an Farben, ich hingegen habe Farben nie gesehen. Ich muss die Bedeutung verschiedener Farben lernen wie Vokabeln einer Fremdsprache. Ich habe mir also irgendwann mal erklären lassen, dass rot auf Sehende sowohl wärmend als auch warnend wirkt (das wärmende Gefühl beim Betrachten eines Sonnenuntergangs, aber das warnende Rot einer Ampel). Blau hingegen wird als kalt empfunden. Mit grün verbinde ich den Geruch frisch gemähten Grases. Und ich wurde gerade neulich gebeten, dass ich meinen hoffentlich demnächst durch eine Prüfung erlangten orange-grünen Judogürtel bitteschön nicht zu lange tragen soll, da diese Farbkombination sehr „stechend“ sei. 🙂

Wenn aber jemand Heiko gegenüber bestimmte Farben erwähnt, so kann er diese ganz anders einsortieren, er hat eine Erinnerung daran, wie die Farbe aussieht. Und er kennt auch Farbkombinationen. Ich hingegen muss mir merken, dass bestimmte Kombinationen von Kleidung eventuell etwas „schreien“ könnten.

Aber auch bei Geburtsblinden gibt es unterschiedliche Abstufungen. Meine Blindheit ist eine Retinitis Congenita Leber, die im allgemeinen dem Blinden ein Hell-Dunkel-Sehen lässt. So auch mir. Andere Geburtsblinde erlangten ihre Blindheit eventuell durch eine zu hohe Sauerstoffversorgung beim Aufenthalt im Brutkasten (Frühgeburt). In solchen Fällen ist das Hell-Dunkel-Sehen in der Regel nicht vorhanden.

Ich sehe also, ob es Tag oder Nacht ist. Ich sehe auch den Unterschied zwischen Kunstlicht und natürlichem Licht. Ich nehme auch unterschiedliche Intensitäten von Licht wahr, also z. B. ob der Himmel wolkenverhangen ist oder die Sonne ungehindert vom blauen Himmel strahlt. Auch die Wirkung eines Dimmers ist mir bekannt. Ich mache mir in der Regel sogar abends Licht an, wenn es draußen dunkel geworden ist.

Aber ich sehe keine Farben. Ich sehe also, dass da Licht ist, aber nicht, auf welcher Wellenlänge es „sendet“. Auch reicht die Hell-Dunkel-Wahrnehmung nicht zum Erkennen von Gegenständen oder ähnlichem, so dass sie mir bei der Orientierung und Bewältigung von Wegen überhaupt nicht hilft.

Und bevor jemand fragt: nein, ich kann Farben nicht erfühlen! 🙂

In der Diskussion ging es später auch noch um alltägliche Floskeln wie „siehste?“ oder „ich gucke mir einen Film an“. Ich selbst bin der Meinung, dass es der Integration nicht gerade zuträglich ist, die Sprache nur wegen der Blindheit zu verbiegen. Ich sage genauso, dass ich mir einen Film im Kino oder Fernsehen angucke. Im Gegenteil: Es klingt selbst für meine Ohren komisch und ungelenk, wenn ich sagen würde, ich höre mir einen Film an. Technisch gesehen stimmt das zwar, aber es klingt trotzdem nicht richtig! 🙂

es kommt oft vor, dass Sehende sich darüber wundern. Sie erwarten automatisch, dass wir, nur weil wir nicht sehen können, gleich eine andere Sprache sprechen. Es gibt mit Sicherheit Blinde, die dies aus meiner Meinung nach übereifrigem Aktionismus tun. Ich selbst gehöre nicht dazu und fühle mich in Gegenwart auch nicht erfahrener Sehender wesentlich „zugänglicher“ so. Ich sehe es sogar so, dass, wenn jemand nur wegen meiner Blindheit Floskeln wie „Siehste?“ vermeidet, mich diese Person ausgrenzt. Und so etwas spreche ich dann auch an!

Also, wir sind längst nicht so „gut“ in Abstufungen wie unsere sehbehinderten Mitmenschen, wo es ja hunderte unterschiedlicher Sehschwächen gibt, aber auch wir Blinden sind nicht alle gleich! 😉

20 Gedanken zu „Blind ist nicht gleich blind“

  1. Schönen Dank für die Erklärung. Bei meiner Angabe zum XING vCard Export wusste ich auch nicht, ob „oben rechts auf der Seite“ dir irgendeine Hilfe ist – aber bei dir weiß ich, dass es dir nichts ausmacht. Das macht die Kommunikation mit dir sehr viel einfacher und deshalb denke ich, es erleichtert die Integration.

    Mir selbst geht es so, dass ich wegen meines Namens z.B. Floskeln wie „Halb so wild“ einfach nicht mehr sage. Jemandem anders es aber übel nehmen, nur weil der- oder diejenige gerade nicht daran denkt, muss ja nun wirklich nicht sein. Umso mehr freut es micht, dass du da ebenso locker drangehst und es damit deinen Mitmenschen viel einfacher machst 🙂

  2. Lieber Marco,

    vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel! Auch ich bin gegen verschämt-verklemmtes Getue und krampfhafte Formuliererei, wenn es um Behinderungen geht. Wenn ich mir unsicher bin, wie eine Aussage gegenüber einem blinden, gehörlosen oder gelähmten Menschen ankommen könnte, frage ich ihn einfach. Bisher hat sich dadurch noch keiner (!) brüskiert gefühlt – im Gegenteil.

    Du bist eines von vielen Beispielen dafür, dass man auch ohne Sehvermögen ein prima Leben führen kann. Unter anderem deshalb ist es mir ein besonderes Vergnügen, Dich vor einer guten Zeit auf Twitter kennen gelernt zu haben.

    Mach so weiter! Ich finde, jeder sollte sich für Themen wie dieses interessieren, denn sie gehören zum alltäglichen Leben eben dazu. Padamm! 😉

    Liebe Grüße
    Lilian

  3. Hi Marco,
    Dein Blog hier widerspiegelt die Art, wie Du auch auf andere Leute wirkst, wenn man Dich trifft: „Jeep ich bin Blind, aber das ist halt nun mal so….“ Du nimmst damit Leuten (wie mir *hüstel) die vielleicht ein wenig befangen waren, diese Befangenheit und führst sie zu einem völlig normalen Umgang mit Blinden. Das finde ich sehr gut an Deiner Art!
    lg
    Markus

    ps: Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Freezers die Hucke voll bekommen, wenn wir nach HH kommen 🙂

  4. Hallo Marco, ich als deine Schwester bin ja mit demselben Gen-Deffekt gesegnet, und ich unterschreibe deinen Artikel! Ich habe nur noch zwei Dinge hinzuzufügen: 1. mein persönliches „Lieblingslicht“ ist das einer Kerze, weil es so sanft, mild und wunderschön ist, einfach angenehm, zu sehen! 2. wenn ich extremst fit und in Bestform bin und keine Straßenlaterne in der Nähe ist, sehe ich sogar das Mondlicht, sehr, sehr schwach zwar, aber ich sehe es und es ist glaub ich auch sehr schön.

  5. Hallo,

    nun schreibt mal ein völlig „Vollblinder“ auch mal was dazu. Ich kenne also weder Farben noch irgendwelche Lichterscheinungen, und bei mir ist es durch einen Genetischen Defekt entstanden, ebenso wie bei meinen jüngeren Bruder. Ich kann es also teilweise unterschreiben, was hier bereits gesagt wurde. Man sollte doch schon in der Lage sein, sich in das alltägliche zu integrieren. Wenn man sich abgrenzt und in sich hinein kehrt, bringt es keine Punkte. Nur so entsteht eine vernünftige Kommunikation und man erhält auch gegenseitiges Verständnis. Ich gehe jeden Tag arbeiten und auch sonst ist mein Alltagsleben – wenn auch mit ein paar Einschränkungen – relativ normal. Und auch was den allgemeinen Sprachgebrauch angeht: Fernseh gucken, Filme sehen ect. ist einfach ein ganz normaler Gebrauch.

    Gruß Stan

  6. Beim Lesen der ersten Absätze kam mir der Gedanke „interessante Einblicke“ und ich überlegte schon, wie ich das anders umschreiben kann. Nur, um im nächsten Absatz zu erfahren, dass genau das falsch gewesen wäre. Doppelt danke also für diesen Artikel.

  7. Ich kann dazu nur meinen gestrigen Tweet dazu wiederholen, lieber Marco: wenn ich einem Blinden gegenüber Floskeln wie „siehste“ oder „du willst doch bloß zugucken“ verwende, ist das angewandte Integration! (funktioniert übrigens auch bei anderen Behinderungen). 😉
    herzlichst deine Bina

    1. Liebe Bina, ich erinnere mich, und das war ein sehr schöner Tweet!

      Und Du weißt: Wer nicht zugucken kann, darf Mitgefühl zeigen! 😉

  8. Meiner Meinung nach tragen Sehende durch falsche Rücksichtnahme und Verkrampftheit ein gutes Stück zur Desintegration bei. Bei aller gewollten Political Correctness kommt man mit ein bißchen Bewußtsein und ganz normaler Normalität einfach am Weitesten. Bestes Beispiel ist die Geschichte mit Deinem Nachbarn, der gesagt hat, daß ihr nicht so weit raus sollt, weil es bald dunkel wird. Der hat sicher nicht ewig seine Worte abgewogen und darüber nachgedacht, was er da sagt. Und was kommt dabei raus? Normalität.

    Wenn was unklar ist, einfach fragen, Du machst es einem mit Deiner Art echt leicht…

    Ach ja,
    @Janine: Glaube mir, es _ist_ sehr schön.

  9. Lieber Marco,
    sehr gut und einfach beschrieben. Sehen, dass machen wir mit allen Sinnen.
    Bei Gelegenheit lass uns mal telefonieren, dass mit den vorlesenden PC Programmen interessiert mich sehr.
    Liebe Grüße aus Berlin, icke:-)

  10. Hallo,
    Sehr interessante Artikel und Reaktionen.
    Leider muss ich feststellen, dass viele Vorurteile vorhanden sind. Ich versuche die Seiten die ich betreuen darf so zu gestalten, dass blinde sich diese anschauen können. Wenn ich dies erzähle, staunen einige Leute. Da ich überzeugt bin, dass Barrieren auf Webseiten nicht verloren haben, erlaube ich mir Kontakt mit Betreibern aufzunehmen. Heute habe ich ein Dienstleistungs Unternehmen angerufen und mich über die zu kleine Schrift, die nicht vorhandene Tastaturnavigation beschwert und um dies zu untermauern erklärt dass Blinde mit Mäuse eigentlich wenig anfangen können. Die Bemerkung der Dame am andere Seite der Leitung war: Das Internet ist doch nicht für Blinde.
    Solche Fehlinformationen und Vorurteile sind überall zu begegnen. Auch Menschen die ein Bestimmte Behinderung haben, können auch manche Anforderungen bezüglich Zugänglichkeit haben.

    Grüße
    Jean-Jacques

  11. Vielen Dank für den informativen Artikel, er hat mir aufgezeigt, dass blind sein nicht gleich blind sein ist, dass es da viele Abstufungen gibt. Mir hilft dieser Artikel im Umgang mit Blinden sehr.

  12. Hm, ich war schon 6 mal im Dialog im Dunkeln in der Speicherstadt.
    Da sich die Umgebung da ja nie verändert, ists nach dem dritten mal halt vertraut und man weiß, wo man lang muss, aber ich bin immer wieder reingegangen, weil ich die blinden Führer des Rundgangs später in der Bar ausfragen wollte zu ihrem Wahrnehmungsspektrum und Alltagsleben, etc., aber es ist so schwer, wenn man nicht weiß, was man fragen darf und was nicht und auch das mit dem „siehste“ und so.

    Ich gehe ganz oft mit geschlossenen Augen nach Hause. Zu erst bin ich immer gegen Laternenpfähle oder Autos gerannt, weil ich keine drei Meter gerade gehen konnte, aber inzwischen fällt es mir recht leicht.
    Also frag ich mich, wenn du im Garten stehst, weißt du dann, wie weit du noch gehen kannst bis zur Hecke, oder zum Zaun, weil du es sozusagen im Gefühl hast?
    vielen, vielen Dank für den Artikel, echt interessant 😀

  13. Hallo Kristina! Danke Dir für Deinen Kommentar! 🙂

    Was den Garten angeht, so kann man Zäune oder Hecken durchaus hören. Wenn man beim Gehen Geräusche macht oder probeweise mit dem Finger schnippt, erzeugt das ein Echo, das sich verändert, wenn eine Hecke, Mauer, ein Zaun o. ä. vor einem auftaucht. Lediglich so schmale Hindernisse wie Laternenpfähle oder niedrige Hindernisse wie Parkbegrenzungspfähle auf der Straße sind damit schwer zu orten. Ich muss also nicht zwangsläufig wissen, wie weit es noch von meinem Standort im Garten bis zur Hecke ist. Und ja, wenn ich den Garten kenne, bekomme ich natürlich ein Gefühl für die Entfernungen und die Größe, so dass das dann beim navigieren hilft.

    Im übrigen ist das Nach-Hause-Laufen mit geschlossenen Augen durchaus nicht ungefährlich! Das ist Dir hoffentlich klar, es kann immer mal was auf dem Weg sein, das sonst nicht da ist, und Du könntest dann stolpern und Dich verletzen. Daher empfehle ich auch immer eindringlich: Wenn jemand mal seine Wohnung o. ä. mit geschlossenen Augen erkunden will, soll sie/er dies bitte dann tun, wenn jemand anderes dabei ist, der ggf. vor einer Gefahr warnen kann. Denn gerade dann hat man vielleicht vergessen, die Tür eines Hängeschranks in der Küche zu schließen, und eine solche Türkante kann ganz schöne Verletzungen verursachen, wenn man mit dem Kopf dagegen läuft. Ich spreche aus Erfahrung! 🙂 Also: Mit solchen Experimenten (und das gilt jetzt für alle Leser!) bitte vorsichtig sein! Ihr habt nur diese zwei Augen, bringt sie nicht unnötig in Gefahr!

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