Offline gegen Online, oder: „Ich verstehe das Internet nicht.“

Es ist Sonntag, und es wurden mir heute gleich zwei höchst alarmierende Beispiele in die Timeline bei Twitter gespült, die eindrücklich zeigen, dass nicht nur unsere Politiker, sondern auch die „schreibende Zunft“, nämlich die Journaille, zu einem erschreckend großen Anteil das Internet und was es in unser aller Leben heute bedeutet, schlicht noch nicht verstanden haben.

Das erste Beispiel ist dieser Artikel aus der FAS, der sehr beeindruckend zeigt, dass selbst viele im Internet publizierte Journalisten offensichtlich noch nicht verstanden haben, dass es nicht die „reale“ und die „virtuelle“ Welt gibt, wobei die „reale“ die Welt außerhalb des Internets darstellt und die „virtuelle“ eben genau die im Internet. Die Autorinnen haben nicht verstanden, dass es da keine zwei Welten gibt, sondern dass das Internet Bestandteil dieser unserer Welt ist und nicht ein davon hermetisch abgetrennter Raum, der die Außenwelt nicht beeinflusst, und umgekehrt. Dabei liest sich der Artikel gar nicht schlecht, wenn man den Eingangssatz überliest. Dieser Eingangssatz ist es jedoch, mit dem die Qualität des gesamten Artikels schlicht und einfach verdampft und die restlichen Aussagen wirkungslos werden lässt. Es wird nämlich in diesem ersten Satz genau diese „Trennung“ vollzogen.

Dabei ist das Internet als Bestandteil unserer Welt, und damit auch die durch diese Technik erfundenen sozialen Netzwerke, eine dermaßene Lebenserleichterung für viele Menschen, dass sie wegzudiskutieren oder in eine „virtuelle Welt“ zu verschieben einem Entzug seiner Legitimation gleichkommt. Menschen, die Opfer häuslicher Gewalt oder von Missbrauch werden, können sich im Internet Hilfe holen. Menschen mit Asperger-Syndrom oder Gehörlose, die gemeinsam haben, dass für sie i.d.r. das Telefonieren eine sehr große Hürde darstellt, haben hier die Möglichkeit, in einer für sie komfortablen oder überhaupt möglichen Form mit anderen zu kommunizieren, um dann diese sozialen Kontakte auf eine persönliche Ebene zu transferieren. Blinde haben durch die Möglichkeiten der Inhaltszugänglichkeit einen Zugang zu tagesaktuellen Nachrichten mit Hintergrundinformationen wie nie zuvor. Sie können auch zum ersten mal ihre Bankgeschäfte vollständig selbstständig tätigen, ohne auf die Hilfe einer sehenden Person angewiesen zu sein.

Und dies sind nur einige Beispiele, wie das Internet mit seinen verschiedenen Angeboten die Welt vieler Menschen um eine Möglichkeit reicher gemacht hat, sich zu verständigen oder andere Dinge zu erledigen, die direkten Einfluss auf ihr Leben haben.

Und dies bringt mich zum zweiten Beispiel. Dies wurde mir durch einen Artikel bei Zeit Online zugespielt. Der Artikel zeigt sehr deutlich, wie sehr viele sehr einflussreiche Pressemenschen das Internet und dessen Möglichkeiten immer noch nicht verstanden haben. Indem nämlich Print- und Online-Ausgaben, hier am Beispiel Spiegel und Spiegel Online, gegeneinander anstatt auf wirklich vernünftige Weise miteinander arbeiten.

Die Print-Ausgaben umfassen in der Regel auch die sogenannten iPad-Ausgaben. Diese bestehen im Regelfall aus aus Adobe InDesign herausgerotzten PDFs, die „wunderschön“ die Papierausgabe widerspiegeln, in Puncto Benutzbarkeit, Durchsuchbarkeit und Barrierefreiheit jedoch absolut versagen.

Die Online-Ausgaben bestehen oft aus gekürzten Artikeln, damit der Leser sich die Printausgabe noch kauft, um mehr Hintergrundinformationen zu bekommen. Artikel aus der Printausgabe dürfen dann erst verzögert online auftauchen, mindestens zwei bis vier Wochen nach Erscheinen der gedruckten Version, und im Archiv. Zu diesem Zeitpunkt ist ein Artikel bzw. dessen Aktualität soweit weg, dass dieser Transfer nur noch bei Recherchefällen ins Gewicht fällt

Dabei ist die Debatte um „Offline gegen Online“ eine Stellvertreterdebatte, denn im Kern geht es doch darum, qualitativ hochwertigen Journalismus ordentlich zu entlohnen. Und hier kommt der Konsument ins Spiel. Ich gehe mal von mir aus. Dazu ein kleiner Griff in die Geschichte: Ich habe den Spiegel Anfang des Jahrtausends für mehrere Jahre abonniert. Dies geschah – oh wunder – in digitaler Form. Ich bekam die wöchentliche Ausgabe als Datei im SGML-Format und konnte sie dann mittels einer proprietären Software auf ein Braille-Lesegerät namens Handy Tech Buchwurm laden. Hier konnte ich dann in Artikeln navigieren, Überschriften und Sparten einer Ausgabe durchblättern usw. Doch die meisten Ausgaben enthielten zwischen 60 und 70 Prozent Artikel, die mich nicht oder nur wenig interessierten. Ich musste jedoch immer den vollen Preis bezahlen. Ob das Angebot heute noch besteht, weiß ich nicht, das entsprechende Lesegerät kann ich wegen meines Umstiege auf den Mac schon seit längerem nicht mehr mit neuen Daten „befeuern“ und habe das Abo schon vor langer Zeit wieder gekündigt.

Das Interesse an qualitativ hochwertigen Artikeln und die Bereitschaft, dafür zu bezahlen, sind jedoch weiterhin vorhanden. Die Hürden, an eine für mich lesbare Ausgabe dieser Artikel zu kommen, ist jedoch so hoch, dass ich mir die Mühe nicht mache, weil der Aufwand für einen, zwei Artikel pro Woche schlicht zu hoch ist.

Anders wäre es, wenn der Spiegel bzw. Spiegel Online oder auch andere Angebote sich so vernünftig verzahnen würden, dass ein reibungsloser Zusammenschluss dieser beiden sich angeblich widersprechenden Medien erfolgt. Bei dem, was heute Spiegel Online ist, könnte ein Artikel stehen, der die wesentlichen Fakten und einige Hintergrundinfos beinhaltet. Will man den vollständigen Artikel, der nur in einer Printausgabe des Spiegel stehen würde, lesen, muss man dafür einen Obolus entrichten. Würde so ein Angebot z. B. für Tablets wie das iPad geschaffen, könnte man die SPON-Artikel direkt in der App konsumieren und die weiterführenden Artikel dann per In-App-Kauf dazuerwerben. Vorausgesetzt, das Angebot besteht nicht wieder aus aus InDesign herausgerotzten Grafik-PDFs. 😉

Will man es dann richtig gut machen, ermöglicht man die Verzahnung der verwendeten E-Mail-Adresse/Apple ID mit einem Konto bei spiegel.de, in dem diese gekauften Artikel dann auch zugänglich sind, um sie z. B. am Notebook auch lesen zu können. Aber die o. g. Variante würde zumindest mir reichen und mich dazu animieren, den Qualitätsjournalismus, den es in Deutschland durchaus noch gibt, zu honorieren, indem ich mir Artikel, die mich interessieren, tatsächlich kaufe.

Es gibt übrigens Beispiele digitaler Abonnements, wie das von der Taz, welche komplett barrierefrei funktionieren. So kann man, bezieht man die Taz im ePub-Format, die Artikel wunderbar durchblättern und lesen, dadurch, dass es sich um vernünftige Textausgaben handelt, sogar für Menschen mit Behinderungen komplett barrierefrei.

Meine Hoffnung ist, dass dieser „Kulturkampf“ endlich mal aufhört und sich die Verantwortlichen vernünftig zusammensetzen und sich mal trauen, komplett neue Geschäftsmodelle zu erdenken, die dem Interesse, dass Qualitätsjournalismus vom Konsumenten angemessen honoriert wird, gerecht wird und gleichzeitig dem Konsumenten ermöglicht, dies auch zu tun! Traut euch was, und denkt nicht andauernd, dass sich im Internet nur Menschen tummeln, die alles umsonst haben wollen. Dem ist nicht so! Sie sind es nur leid, sich Papierausgaben zu kaufen, die die Umwelt belasten und umständlich zu handhaben sind!

Wer verstehen kann, ist klar im Vorteil, gerade als Autor

Es kommt wirklich sehr selten vor, dass man mich absolut sprachlos kriegt. Bei diesem Beitrag des Tatort-Autors und -Regisseurs Niki Stein in der FAZ war ich es. Ich bin einfach fassungslos darüber, wie ein Mensch, dessen Hauptbetätigungsfeld das geschriebene Wort ist, so konsequent lesen und nicht verstehen kann, wie es Herr Stein so eindrucksvoll demonstriert!

Vorweg eines: Ich bin kein Mitglied der Piratenpartei und stehe daher auch nicht für ihr Wahlprogramm gerade. ich bin jedoch jemand, der sich als „Digital native“ bezeichnet und der der Piratenpartei sehr viel Sympathien entgegenbringt, ja sich sogar vorstellen kann, bei der nächsten Wahl, für die sie zugelassen sind, an entsprechender Stelle auf dem Wahlzettel sein Kreuz zu machen.

Der Holzweg, auf dem sich Herr Stein befindet, wird schon beim ersten Zitat aus dem Programm betreten und konsequenterweise auch bis zum Ende nicht mehr verlassen. Herr Stein zitiert zunächst aus dem Programm:

Auf der Homepage der Piratenpartei steht unter dem Stichwort Transparenz: „Die fundamentale Chance des digitalen Zeitalters ist die Möglichkeit, Information ohne Kosten beliebig zu reproduzieren und zur Verfügung zu stellen. Die tradierten Wege, die Produzenten von Wissen und Kultur in Abhängigkeit von der Zahl der Kopien ihrer Arbeit zu entlohnen, sind dadurch ad absurdum geführt. Der Versuch, sie 1:1 in die Welt der Computer zu übertragen, benötigt einen Überwachungsstaat und müsste elementare Freiheiten jeden Bürgers beschneiden. Werden hingegen die Möglichkeiten der ständigen Verfügbarkeit und beliebigen Reproduktion des gesammelten Wissens der Menschheit genutzt, erhöht dies die Produktivität von Arbeitern der Informationsgesellschaft. Die größere Wiederverwertbarkeit steigert gleichzeitig die Effizienz des Schaffungsprozesses.“

Er führt dazu dann aus:

Ich versuche zu verstehen: Weil man theoretisch das von mir geschaffene Produkt Film im Internet beliebig oft reproduzieren und ohne Kosten zur Verfügung stellen kann, darf man mich dafür nicht entlohnen. Denn das Bezahlen der Nutzung würde einen Überwachungsapparat generieren, der die Freiheit des Einzelnen beschneidet.

Mit keinem Wort wurde gesagt, ihm als Urheber eines kulturellen Werkes solle nichts dafür gezahlt werden, dass ein von ihm geschaffenes Werk im Internet zur freien Verfügung stehen soll. Es werden hingegen dringend nötige Umdenkprozesse angestoßen, was die Geschäftsmodelle von Kulturschaffenden, Verwertern und Konsumenten angeht. Nur ist Herr Stein so dermaßen in seiner nicht nur auf einem Fuß hinkenden Kaufhausanalogie, die aus mehreren Gründen überhaupt nicht in den Schuh passt, der ihr angezogen werden soll, gefangen, dass er dies nicht versteht. Urheber sollen entlohnt werden! Das wird oben mit keinem Wort in Frage gestellt. Das Modell muss jedoch ein anderes werden, will man nicht weiterhin gegen das für Urheber, Verwerter und Konsumenten gleichermaßen schädliche Raubkopieren vorgehen. Eine angemessen hohe Entlohnung für das Erschaffen des Werkes und vernünftige, auf das Internet angepasste Verwertungsmodelle müssen für die Drehbuch- und Filmindustrie geschaffen werden, wie es sie ähnlich für Komponisten, Produzenten und Interpreten bei der Musik schon gibt. Apples iTunes Match ist ein mögliches Geschäftsmodell, wo man einmal jährlich als Konsument dafür zahlt, dass man seine Mediathek auf allen registrierten Geräten verfügbar hat und seine eventuell auch mit „sicherheitskopierten“ Inhalten versehene Mediathek auf eine komplett legale Basis stellt. Wäre das Vermarkten von Tatort-Episoden z. B. über Youtube oder andere Kanäle und die daraus resultierenden Einnahmen durch den Inhaltsanbieter gängige Geschäftspraxis, könnten heute für Filme, die schon in den 70er oder 80er Jahren gezeigt wurden und heute im regulären Fernsehprogramm nicht wiederholt werden, wieder Einnahmen erzielt werden. Liebhaber gibt es nämlich genügend!

Ich erspare mir und meinen Lesern jetzt mal weitere Zitate aus dem ewig langen Beitrag, die alle ihre Ursache und Schlussfolgerung in dem oben nicht verstandenen Passus haben.

Aber auf eine Sache muss ich noch eingehen, weil sie so prominent hervorgehoben wurde:

Und in dem heißt es dann, dass „Tatort“-Autoren für einen Film 25.000 Euro bekommen. Die Zahl stimmt. Was man aber wissen sollte, ist, dass ein Autor ein halbes Jahr an so einem „Tatort“-Krimi arbeitet. Dass er, wenn er Glück hat, jedes Jahr einen solchen Auftrag bekommt. Und dass er damit rechnen muss, von heute auf morgen nicht mehr gefragt zu sein. Er muss Rücklagen bilden, vielleicht Kinder versorgen, in Krankenkassen einzahlen, Steuern abführen, GEZ-Gebühren entrichten, kurz: Er muss von seiner Arbeit leben.

Erstens: Als frei schaffender Künstler ist Herr Stein mit diesem Risiko nicht allein. Dafür gibt es ja so Einrichtungen wie die Künstlersozialkasse usw.

Zweitens: Wenn er als Selbstständiger sein Geschäftsmodell auf genau eine Tätigkeit, nämlich das Schreiben von Tatort-Drehbüchern ausrichtet, ist das sein Problem, nicht das der Konsumenten.

Drittens: Ein halbes Jahr für ein Drehbuch? Die letzten Zehn Tatorte, die ich gesehen habe, durchweg Erstausstrahlungen, waren alles Beziehungstaten. Ohne Ausnahme. Kalter Kaffee einmal mit Süßstoff, einmal mit Zucker aufgerührt. Oder hat Herr Stein hauptsächlich für die Hamburger Tatorte seit Ende 2008 verantwortlich gezeichnet? Dann ließe sich das eventuell noch damit erklären, dass nicht nur die Zuschauer durch die willkürlich zusammengeschnittenen Szenen und Zeitsprünge nicht durchblicken, sondern auch der Autor schon beim Schreiben von seiner Kreativität völlig überfordert war. nachdem nach einem Monat dann die Story stand, Leiche am Anfang, Täter am Ende, wurden die restlichen fünf Monate damit verbracht, die Zeitschnipsel zu mischen wie Spielkarten?

Ja, das war jetzt polemisch, und das sollte es auch sein. Ich weiß von mehreren Autoren, nicht nur von Drehbüchern, sondern auch von Belletristik, dass sie immer mehr als ein Standbein haben. Dass gehört zu einer vernünftigen Geschäftsplanung. Das als Argument anzuführen, um in dieser unqualifizierten Weise gegen die Piratenpartei zu wettern, ohne verstanden zu haben, was Herr Stein gelesen hat, ist populistisch und lame.

Und noch eine Bemerkung zum Schluss: Diesen Beitrag von Herrn Stein las ich in diesem ach so bösen Internetz. Ich zahlte keinen Cent dafür, aber Herr Stein bekommt von der VG Wort ja auf jeden Fall einen Verrechnungsscheck dafür. Nicht nur für die Printausgabe, sondern auch durch die Werbeeinblendungen, die garantiert auf der Seite zu sehen waren. Ich bin jedenfalls froh, mit dem Altpapier dieser FAZ-Ausgabe nicht die Umwelt belasten zu müssen.