Deutschlands Bildungssystem braucht eine digitale Revolution

Die Urheberrechts- und Rechteverwertungsdebatte läuft in Deutschland ja nun schon einige Wochen. Eine neue Richtung bekam sie dieser Tage durch diesen Artikel in der Financial Times Deutschland, in dem es um die Verletzung des Urheber- bzw. Verwertungsrechts durch Lehrer geht, wenn sie digitale Kopien von Auszügen aus Schulbüchern erstellen.

Beim Lesen des Artikels schrie es in mir an vielen Stellen, an denen die „Probleme“ der Verlage geschildert wurden, laut und deutlich „eBooks!“. Die Lösungen für die Probleme, die die Verlagsleiter so dramatisch schilderten, liegen schon längst vor. Sie müssen nur umgesetzt werden.

Da wäre zunächst einmal das Rohmaterial, aus dem heutige Schulbücher erstellt werden. Diese liegen in der Regel schon in digitaler Form vor. Oder entwickeln Schulbuchautoren ihre Werke immer noch mit Zettel und Bleistift und später auf einer Schreibmaschine? 😉 Wohl kaum. Word & Co. sind ihre Arbeitswerkzeuge. Die gesamten Materialien liegen also schon in einem verwertbaren Format vor.

Diese werden dann durch Adobe InDesign o. ä. in setz- und somit druckbare Form gebracht. Wieder eine digitale Form des Buches als Zwischenschritt zum endgültigen Werk, dem gedruckten Buch. Für dieses musste der Regenwald mal wieder ein paar Bäume hergeben, die Kunststoffindustrie steuerte die Verklebung für die Seiten bei, und die Druckerschwärze tut ihr übriges zur Umweltbelastung. Aus dem eigenen Schulalltag weiß ich, dass in vielen Büchern, wenn überhaupt, nur die Hälfte verwertet wird, der Rest wird übersprungen o. ä., und in zwei Jahren kommt die nächste Auflage, so dass die Schüler der übernächsten Klasse diese Buchausgabe nicht mehr werden nutzen können. Die Bücher werden eingestampft und recycelt.

Wenn ich mir dann noch vorstelle, dass die im Artikel genannten Zahlen der verschiedenen Ausgaben eines einzigen Buches akkurat sein dürften, da drängt sich mir nur auf, was für ein Wahnsinn doch unser Bildungssystem ist, dass so viel Verschwendung herrscht, subventioniert vom Steuerzahler und ohne jegliche Nachhaltigkeit!

Und dann die Redigitalisierung: Da müssen sich heute Lehrer hinsetzen, ein Buch bzw. Passagen daraus einscannen und dann noch durch eine Texterkennung schicken, um wieder eine digitale Form des Textes zu bekommen. Diese brauchen sie u. a., um sie einem blinden Schüler zukommen lassen zu können, entweder direkt oder per Ausdruck in Blindenschrift. Jeder, der dies schon mal gemacht hat, weiß, was für ein Aufwand das ist, trotz der heute sehr guten Texterkennung. Was für ein unnötiger Mehraufwand für die Lehrkraft!

Kommen wir also zurück auf das, was passieren müsste, um diesem Problem Herr zu werden. Wir waren ja vorhin schon mal kurzzeitig bei den digitalen Fassungen, die es ja schon gibt. In einer Welt, wie ich sie mir vorstelle, muss nach dem Layouten der nächste Schritt der sein, das Buch in ein für im Unterricht verwendete Tablets verwertbares Format auszugeben. Jedes Kind sollte leihweise mit einem Tablet wie dem Apple iPad ausgestattet werden, auf dem es Zugriff auf seine benötigten Unterrichtsmaterialien bekommt. Keine die Umwelt belastenden Kopien wären mehr nötig, durch vorhandene DRM-Techniken könnten die Verlage ganz klar die Verwertungsrechte kontrollieren. Man kann iPads so absichern, dass die Schulkinder damit nichts tun können, was nicht gewollt ist. iPads wären nachhaltig, sie sind trotz sich regelmäßig erneuernder Gerätegenerationen nicht so schnell veraltet wie Druckerzeugnisse.

iPads hätten auch den Vorteil, dass Barrierefreiheitsfunktionen für Blinde und Menschen mit anderen Behinderungen gleich an Bord sind, hierfür also kein extra Geld ausgegeben werden muss. Auch gibt es bei einem so kontrollierten System, wie Apple es anbietet, keine Gefahr der Splitterung und Inkonsistenten, wie dies z. B. leider beim Betriebssystem Android der Fall ist. Das iPad bietet durch seine intuitive Bedienung auch solchen Menschen Zugang, die (z. B. aufgrund einer autistischen Störung) zu Printmedien überhaupt keinen Zugang finden. Einen solchen Menschen gibt es in meinem privaten Umfeld tatsächlich.

Hinweis: Ich bin in keiner Weise mit der Firma Apple assoziiert. Das iPad bietet jedoch die konsistenteste und zuverlässigste Plattform für ein solches Vorhaben.

Dass das iPad an Schulen Unterrichtsmaterialien aus Papier ersetzt, wird in einigen Ländern bereits mit Erfolg praktiziert. Tools wie iBooks Author bieten längst die Möglichkeit, multimediale Unterrichtsmaterialien zu erstellen, inklusive voller Barrierefreiheit für die meisten Schüler mit Behinderungen.

Der Revolutionsteil dieses Blogeintrags betrifft die Verlage. Sie sind es, die den Mut haben müssen, diesen Schritt zu wagen. Selbst wenn das Endprodukt kein Buch ist, das man aufschlagen und zerfleddern kann, wird das Erzeugnis verlegt. Und er betrifft die Politiker, vor allem die Kultusminister. Sie sind es, die den Mut haben müssen, z. B. an Apple heranzutreten und mit der Firma einen Deal auszuhandeln, mit dem für alle Schüler, egal welcher sozialen Herkunft sie entspringen, chancengleich die Unterrichtsmaterialien digital zur Verfügung gestellt werden können.

Die technischen Möglichkeiten sind längst da! Sie liegen im Bildungsbereich ziemlich brach, weil der Mut, der visionäre geist fehlt, sie einzusetzen.

Ich hoffe, dass dieser Beitrag einen Anstoß gibt, dass vielleicht der eine oder andere mal überlegt, ob das nicht ein möglicher Weg wäre, den man beschreiten kann. Er würde so viele Probleme lösen, dass man sie an einer Hand gar nicht abzählen kann!

Diskriminierung aus den eigenen Reihen ist die schlimmste

Auf Twitter entspann sich heute eine der ekelhaftesten Diskussionen, die ich in diesem Medium jemals erlebt habe. Ennomane war zu Gast bei ZIBB und berichtete über den Erhalt eines Cochlea-Implantats. Er verlor im jugendlichen Alter sein Hörvermögen und hat durch das CI einen Teil davon jetzt, ca. 20 Jahre später, zurückerlangt.

Als Reaktion darauf warf EinAugenschmaus ihm vor, er hätte sich in diesem Beitrag als gehörlos bezeichnet, obwohl er das laut (ihrer) Definition gar nicht sei, weil er nicht von Geburt an gehörlos sei. „Spätertaubt“ oder „schwerhörig“ wären angemessen gewesen, „gehörlos“ jedoch auf gar keinen Fall.

Das war nicht das erste Mal, dass ich solche oder ähnlich geartete Aussagen von EinAugenschmaus lesen musste. Diese scheinbare Einteilung in Gehörlose erster und zweiter Klasse erschreckt mich zutiefst.

Würde ich diese Aussage auf das Thema Blindheit übertragen, hieße das, dass ich, der ich geburtsblind bin, ein „besserer“ Blinder wäre als mein bester Freund, der im Alter von 18 Jahren sein Augenlicht verlor. Dabei bin ich es, der eine Hell-Dunkel-Wahrnehmung hat, der Freund hingegen gar kein Lichtempfinden mehr hat, da er zwei Glasaugen trägt. Darf er sich, oder darf ich mich dann nicht als „blind“ bezeichnen? Der Effekt ist der gleiche: Wir können beide keine Farben sehen, keine Gegenstände, kein Auto fahren, keine Straßen- oder Hausnummernschilder lesen usw.

Der Freund musste die Brailleschrift nach seiner Erblindung erlernen, ich erlernte sie in der Grundschule. Diese Schrift ist eine eigene Schriftsprache, die aber auch von Sehenden erlernt werden kann. Genauso kann Gebärdensprache von im Laufe des Lebens ertaubten Menschen und Hörenden gleichermaßen erlernt werden. Selbst ich beherrsche einige wenige rudimentäre Gebärden, z. B. meinen Namen. Ist der eine dann gehörloser als der andere, nur weil der andere zufällig einen Teil seines Lebens hören konnte?

Genauso könnte man fragen, ob nur Männer, die sich regelmäßig in einen Fummel schmeißen, Anzugträger oder Lederkerle als einzige das „Recht“ haben, sich als schwul zu bezeichnen. Ist nur derjenige „richtig“ schwul, der auf BDSM-Praktiken steht? Ist nur die Frau „richtig“ lesbisch, die in ihrem Leben noch nie eine Erfahrung mit einem Mann gemacht hat oder – Gott bewahre – gar Mutter eines oder mehrerer Kinder ist?

Ist nur derjenige ein echter Rollstuhlfahrer, der einen Querschnitt hat, derjenige, der aufgrund einer Spastik im Rollstuhl sitzt, sich aber notfalls ein paar Meter auf den Beinen oder dem Hintern ohne Rollstuhl fortbewegen kann, aber nicht?

Mir würden sicherlich noch zig Beispiele mehr einfallen. Ich stoppe aber hier. ich denke, die Absurdität dieser anscheinenden Einteilung dürfte jedem klar geworden sein.

Solange eine „Community“, eine „Randgruppe“ Mitglieder hat, die eine solche diskriminierende Einteilung vornehmen, braucht sie keine Diskriminierung von außen, denn die schlimmste aller Diskriminierungen kommt von innen. Der weitläufige Spruch „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr“ passt hier ziemlich gut.

Und es erschreckt mich. Es erschreckt mich zu sehen, wie durchaus nicht wenig prominente Mitglieder einer „Community“ ihrer eigenen Sache so schaden können. Denn wer soll die Anliegen einer solchen „Community“ ernst nehmen, wenn innerhalb derselben Mitgliedern so ins Knie geschossen wird?

Das Cochlea-Implantat ist in der Gruppe der Gehörlosen nicht unumstritten. Die einen meinen, wenn es eine Chance gibt, in der Umwelt, die nun mal von Hörenden dominiert wird, besser zurecht zu kommen, sollte man sie nutzen. Die anderen besingen die apokalyptische Vision des Untergangs der eigenen, besonderen Kultur. Es gibt sogar gehörlose Eltern, die ihrem ebenfalls gehörlosen Kind ein CI verweigern mit der Begründung, das würde das Kind mit der Kultur der Hörenden „vergiften“.

Das wäre ungefähr so, als würde ich mir, der ich mit einem Blindenführhund unterwegs bin, anmaßen zu sagen, wer stattdessen einen weißen Stock als Mobilitätshilfe verwendet, wäre ein „schlechterer Blinder“. Ich fluche zwar ab und an wie ein Rohrspatz, wenn ich mal mit Stock unterwegs sein muss, weil sich dies für mich tatsächlich wie eine eingeschränkte Mobilität anfühlt. Das ist aber mein rein persönliches Empfinden und bedeutet nicht, dass ich die Orientierung per Stock per se als zweitklassig einstufen würde.

Diese ganze Geschichte hinterlässt bei mir einen sehr bitteren Nachgeschmack. ich sitze fassungslos vorm Rechner und denke mir, ich bin im falschen Film!

Ich wünsche mir, dass die Communities geschlossen für ihre Sache einstehen, anstatt sich intern gegenseitig wegen eventuell unterschiedlicher Lebensentwürfe im einen oder anderen Punkt zu behakeln. Denn die großen Ziele, seien es Untertitel oder Gebärdensprach-Erweiterungen für Gehörlose, Audiodeskription oder „kein Shared Space in Städten“ für Blinde, oder die vollständige Gleichstellung mit der Ehe von Schwulen und Lesben, kommen allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute, egal ob sie von Geburt an gehörlos sind oder es im lauf ihres Lebens wurden, mit Blindenführhund oder Stock unterwegs sind, schon als Teenager ihr Coming Out hatten oder erst mit 40 oder 50, nachdem schon eine heterosexuelle Ehe geführt wurde, aus der Kinder stammen.

Die Akzeptanz, Integration und Inklusion fängt in den eigenen „vier Wänden“ an und nicht beim Politiker an der nächsten Ecke!