Wahlkampfgeschacher, und welche Rolle Hartz IV dabei spielen könnte

Für einen fassungslosen Lacher sorgte bei mir heute Morgen die Aussage Christian Lindners, die SPD sei eine Gefahr für Deutschland, weil sie sich von der Agenda 2010 weg nach links bewege. Schon seit einigen Tagen löst genau diese zarte Andeutung eines Umdenkens bei den Sozialdemokraten bei mir für innere Jubelschreie! Endlich! Endlich trauen sich einflussreiche Persönlichkeiten der SPD, offiziell einzugestehen, dass die Agenda 2010, allen voran das Gesetz zur Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, auch unter dem Begriff Hartz IV bekannt, ein großer Fehler war, den es durch eine Reform zu korrigieren gilt!

Anlässe gibt es wahrlich genug! Spätestens nach dem Mord an der Jobcenter-Mitarbeiterin in Neuß und der daraufhin erschienenen Anklage einer anonym gebliebenen Sachbearbeiterin eines Jobcenters, in der sie über die Methoden und Hintergründe Tacheles redet, ist klar, dass sich an den menschenunwürdigen Vorgehensweisen dieser Agentur für Arbeit grundlegende Dinge ändern müssen. Schröder hat damals sämtliche Warnungen vor sozialem Unfrieden ignoriert und die Hartz-IV-Gesetze den Arbeitgebern zum Geschenk gemacht. Schröder, der wegen seiner übermäßigen Arbeitgeberfreundlichkeit viel eher in der FDP als in der SPD zu Hause wäre, ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Menschen in Deutschland im Billiglohnsektor zur Ware geworden sind, die man sich als Arbeitgeber von den zeitarbeitsfirmen oder Jobcentern ausleiht und bei Nicht-Gefallen oder wenn sie nicht mehr gebraucht wird, zurückgibt, ohne Verantwortung, mit einer Nach-Mir-Die-Sintflut-Mentalität, die sehr bequem ist.

Die Überfigur Schröder verblasst inzwischen zum Glück zusehends, und die SPD besinnt sich wieder darauf, wofür das S in ihrem Namen eigentlich steht. Und davor hat die FDP natürlich mächtig Angst! Den von ihr so geliebten und hofierten Arbeitgebern dieses Geschenk wieder wegzunehmen ist tatsächlich eine Gefahr, nämlich eine für sie, weil sie im Zweifel nicht wird mitspielen dürfen. Die FDP war bei Beschluss der Gesetze nicht an der Macht beteiligt, und sollte tatsächlich eine Reform kommen, wird sie ebenfalls nicht wieder beteiligt werden. Denn wäre sie es, würde es keine Reform geben.

Auch die Grünen haben nicht wirklich ein Interesse daran, dass Hartz IV reformiert wird. ALG-II-Bezieher sind klassischerweise kein grünes Wählervolk, sondern viel mehr besser betuchte Arbeitnehmer und auch solche Chefs von Firmen, die sich mit erneuerbaren Energien zur Zeit das eine oder andere hübsche Sümmchen verdienen dürften. Und auch hier werden mit Sicherheit in vielen Bereichen Leihabeiter, die dem Hartz-System günstig zu entleihen sind, eine nicht unwichtige Rolle spielen.

Meiner Meinung nach ist, so unglaublich es klingt, eine Reform der Agenda 2010 tatsächlich am ehesten mit der CDU zu machen. Wenn die SPD es richtig anpackt und die richtigen Argumente findet, kann sie vielleicht eine kritische Masse in der Union für die Idee gewinnen. Und das kann sie nur in einer großen Koalition. Aber dass wir die bekommen werden, halte ich eh für sehr wahrscheinlich.

Das im eingangs verlinkten Artikel erwähnte Ausschließen diverser theoretisch möglicher Koalitionen von allen möglichen Beteiligten öffnet genau diesem Modell Tür und Tor. Wir haben noch fast ein Jahr bis zur Bundestagswahl, und die FDP positioniert sich schon jetzt so, dass sie nur mit der CDU als Partner weiterregieren will. Allen anderen Optionen außer der Opposition schiebt sie einen Riegel vor, und dabei ist Lindners Aussage nur ein Puzzleteilchen. Auch die Grünen verbauen sich und dem Land mit ihrer Forderung an die SPD, sich klar zu Rot-Grün zu bekennen, Chancen auf andere, vielleicht ebenso nützliche Koalitionsgebilde. Schwarz-Grün ist in Hamburg zwar vorzeitig von den Grünen aufgekündigt worden, das lag aber eher an dem Chaos, das die Nicht-Großstadt-Partei CDU intern veranstaltet und die Senatorenposten wie die Unterwäsche gewechselt hat. Inhaltlich war das durchaus teilweise sehr spannend, was da in den knapp drei Jahren lief.

Am Ende bleibt der SPD gar nichts anderes übrig, als mit der CDU zusammenzuarbeiten. Der Kindergarten FDP manövriert sich konstant weiter in die Bedeutungslosigkeit, und während die Grünen zwar auf einer komfortablen Fukushima-Welle surfen, wird es dennoch nicht für Rot-Grün im Bund reichen. Denn dass Frau Merkels CDU wieder die stärkste Fraktion stellen wird, dürfte als sicher gelten.

Tja und die CDU? Die kann sich im Grunde zurücklehnen. Sie muss mit ihren Themen punkten und braucht sich im Grunde auch nicht von der SPD irgendwohin treiben zu lassen. Und mit Frau Merkel als Zugpferd wird das eh funktionieren, da diese mit Abstand die größten Sympathiewerte bei den Deutschen genießt und gemeinhin als sehr kompetent und besonnen gilt. Frau Merkel ist es letztendlich egal, wer ihren Machterhalt sichert. Sie wird immer eine Möglichkeit finden, mit den Gegebenheiten umzugehen und genügend große Schnittmengen mit den potentiellen Koalitionspartnern zu bilden. Und ich glaube, dafür würde sie sogar bereit sein, Hartz IV zu reformieren.

Gedanken zu neueren Remasters – sind die Loudness Wars endlich vorbei?

Ausgelöst von diesem Review zweier früher Alben von Emerson, Lake & Palmer habe ich mir in den letzten Wochen ein paar Gedanken zu Remasters gerade älteren Materials gemacht, dass in den letzten Jahren wiederveröffentlicht wurde, und mir auch diverse Hörbeispiele angehört.

Unter Mastering versteht man das Erstellen des Materials von den fertig abgemischten Musikaufnahmen, das dann direkt auf die CD oder in digitale, von uns Konsumenten, herunterladbare Musikdateien umgewandelt wird. Mastering gibt es schon viel länger, z. B. auch für die Produktion von Langspielplatten wurden schon Masters verwendet, die die spezifischen Eigenschaften der Vinylscheiben berücksichtigten. Seitdem es die CD gibt, in diesem Jahr ziemlich genau 30 Jahre nämlich, gibt es auch digitale Masters.

Bis auf wenige Ausnahmen wurden sämtliche frühen CD-Veröffentlichungen von analogen Bändern gemastert. hierbei wurde auch aus verschiedensten Gründen nicht immer auf die sogenannten Mix-Down-Tapes, also die Stereo-Bänder mit dem fertig abgemischten Material, zurückgegriffen, sondern teilweise wurden die LP-Masters, Kopien dieser oder der Mix-Down-Tapes o. ä. verwendet. Dementsprechend verrauscht, verzerrt usw. klingen manche CD-Veröffentlichungen bekannter Alben. Die sämtliche erste Ausgabe des Katalogs der Beatles z. B. stammte von sehr minderwertigen Bändern. Es schrammelt, verzerrt und zischt, dass man sich wünscht, eine LP aufzulegen, die klangen nämlich viel besser.

Neue Produktionen wurden, auch wegen der noch wenig herrschenden Erfahrung, zwar digital aufgenommen und gemastert, aber die ersten digitalen Aufnahmen waren eher Experimente als ernstzunehmende Projekte. Ein Beispiel ist das Album Heartbreaker von Dionne Warwick, welches rauscht und muffelt, als hätte man eine schlecht kopierte Kassette im Recorder. Ein erstes gut gelungenes Beispiel ist das heute auch immer noch gern als Referenz herangezogene Album The Visitors von Abba, ihr letztes Studioalbum. Als Vorzeige-CD – sie war die erste CD, die bei Polydor Deutschland im September 1982 ausgeliefert wurde – war sie vollständig digital aufgenommen und gemastert. Die Qualität ist absolut spitzenmäßig.

Später, ab Mitte der 1990er Jahre, wurden dann erste echte digitale Remasters von älterem material angefertigt. Hierbei waren die Quellen häufig keine schon bestehenden Masterbänder, sondern oben erwähnte Mix-Down-Tapes oder andere gute Quellen aus den verschiedenen Stadien der Musikproduktion. Die Ergebnisse waren jedoch sehr unterschiedlich. Während das Remaster von Tina Turners 1984 erschienenem Album Private Dancer zu den besten frühen Remasters zählt, zählt der 1997 neu erschienene remasterte Katalog von Abba zu den schlimmsten Vertretern. Die Musikcharakteristik wurde durch zu starke Rauschunterdrückung, Dynamikkompression (also das Begrenzen von Lautstärkeschwankungen) und anderen Techniken komplett zerstört. 2001 erschien dieser Katalog noch einmal, und während zwar nicht mehr so viel Rauschunterdrückung stattfand, wurde die Dynamik weiter begrenzt. Andere Remasters wie die älteren Alben von Madonna oder den Pet Shop Boys wurden mit viel mehr Liebe zum Detail behandelt.

Seinen Höhepunkt erreichte der Remaster-Wahnsinn dann Mitte des letzten Jahrzehnts. „The Complete Studio Recordings“ von Abba sind wieder eines der schlimmsten Beispiele. Neben den bereits bestehenden Techniken wurde die Lautheit immer weiter erhöht, so dass für Dynamik noch weniger Raum blieb. Die Folge war, dass laute Passagen entweder total gedeckelt wurden, oder wo dies nicht gelang, schlicht übersteuerten. ja genau, so schrammelig wie bei alten übersteuerten kassettenaufnahmen! Ring Ring hat in den Drum-Breaks so viele Verzerrungen, dass das Anhören wirklich eine Zumutung ist! Wer sich für die Vergleiche der verschiedenen Abba-Ausgaben näher interessiert, dem sei dieser ausführliche Vergleich ans Herz gelegt.

Auch das 2007 erschienene Album „Greatest“ von den Bee Gees, das eine Wiederveröffentlichung mit Bonus-Tracks des 1979 erschienenen „Greatest Hits, Volume III“ ist, ist so dermaßen komprimiert, dass beim Beginn von Jive Talking die eigentlich leisen Gitarren-Rhythmen und die später lauter einsetzenden Bass und Schlagzeug gleich laut sind. Weitere Auswüchse des Loudness War (des Kriegs der Lautheiten) werden in diesem Wikipedia-Artikel beschrieben.

Die Kritik scheint zumindest bei einigen Toningenieuren und Musikindustriellen angekommen zu sein. Ich hatte, als im Frühjahr 2009 die Wiederveröffentlichung der kompletten Studioalben der Beatles angekündigt wurde, erst sehr große Vorbehalte. Ich wurde durch Reviews ermutigt und durch eigenes Reinhören sehr positiv überrascht. Die Ingenieure haben sich bei diesen aufwendigen digitalen Remasters tatsächlich sehr bemüht, und es ist ihnen meiner Meinung nach auch gelungen, den ursprünglichen Charakter des Materials einzufangen und zu bewahren. Später lernte ich auch die ebenfalls 2009 erschienenen „Epic Masters“ von Shakin‘ Stevens kennen, die mir auch sehr gut gefallen.

2011 erschien der komplette Katalog von Queen „digitally remastered“ und auf den Deluxe-Editionen mit Bonusmaterial versehen, neu. Auch hier gab es positive Reaktionen, und mein eigener Eindruck bestätigt, dass auch hier mit sehr viel Liebe zum Detail und zur musikalischen Originaltreue vorgegangen wurde.

Seit etwa einem Jahr gibt es auch das Programm Mastered For iTunes von Apple, das zum Ziel hat, die für die Wiedergabe von digitalen Dateien bestmögliche Klangqualität zu erzielen. Apple fordert die Musikverlage dazu auf, ihnen die originalen 24-Bit/96KHz-Masterdateien zur Umwandlung vorzulegen und keine bereits auf die CD (16Bit/44,1KHz) heruntergerechneten und -gesampleten Materialien, aus dem der weitaus größte Teil des iTunes-Katalogs besteht. Apple möchte die größere Dynamik, die mit 24Bit Tiefe möglich ist, nicht verlieren und verspricht sich und uns eine bessere Qualität als von CD-Materialien erstellten Digitalversionen.

Erst kürzlich erschien die 25th Aniversary Special Edition des Albums Bad von Michael Jackson eben als ein solches „Mastered For iTunes“-Album. Ich kenne das Album ziemlich gut. Ich kenne sowohl die alte MC- als auch die erste CD-Fassung. Die bisher erhältliche digitale Version ist sehr basslastig und klingt recht komprimiert. Diese neue Auflage des Albums liefert auf meiner nicht ganz schlechten Anlage ein solch ausgewogenes und transparentes Klangerlebnis, dass es mir mehrfach beim Hören die Sprache verschlug.

Neben vielen Neuveröffentlichungen wie den Alben Tracking Ball von Bruce Springsteen und der Deluxe Edition von Matchbox Twenty’s North ist u. a. der anscheinend komplette Katalog von Pink Floyd als Mastered For iTunes neu veröffentlicht worden. Auch einige alte Alben von Elton John wie „Goodbye Yellow Brick Road“ habe ich dort schon gesehen.

Und auch der eingangs erwähnte Blogbeitrag von Redaktion42 deutet meiner Meinung nach auf eine Trendwende hin, nämlich dass älteres Material, das schon aus Gründen der Haltbarkeit in ein permanentes digitales Format überführt werden muss, soll es nicht verloren gehen, wieder mit viel mehr Liebe zum Detail und zur auditiven Ausgewogenheit behandelt wird. Auch einige x-te Wiederveröffentlichungen von Abba deuten darauf hin, obwohl hier das Bild durchaus nicht einheitlich zu sein scheint.

Und nun meine Frage an die werte Leserschaft: Könnt ihr das bestätigen? Was sind eure Eindrücke? Gibt es vielleicht sogar jemanden, der sich gut mit der Musik von Pink Floyd auskennt und z. B. beurteilen kann, ob diese 2011 neu veröffentlichten Versionen der Alben an die Originale gut ranreichen, ob dieses Mastered For iTunes ihnen tatsächlich hilft o. ä.? Ich bin sehr auf eure Meinung gespannt und freue mich auf einen regen Austausch in den Kommentaren! Hierzu sei nur angemerkt: Geschmäcker sind verschieden, und jeder hat eine andere Lieblings-Band oder einen anderen Lieblings-Künstler! 😉

Also, los geht’s!