„Recht auf Behaglichkeit“? Ja seid ihr denn nicht mehr ganz dicht?

Heute Mittag spülte Twitter meiner Herzdame und mir den Artikel „Politische Korrektheit bedroht die freie Rede“ von Jochen Buchsteiner aus der FAZ auf den Esstisch. Und ich habe dazu, nachdem sich mein Blutdruck wieder halbwegs beruhigt hat, einiges zu sagen.

Geht’s noch?

Was, zum Henker, ist bitteschön dieses „Recht auf Behaglichkeit“ für ein Bullshit? Sind das die Auswüchse von Helikoptereltern, mit denen wir es hier zu tun haben? Bei kompletter Überbehütung das eigenständige Denken verlernt? Und das ist unsere Elite von morgen! Na prost Mahlzeit!

Aber nein, nicht nur in diesem Bereich finden wir den Begriff. Auch Frank Lübberding benutzte diesen Begriff, sogar als Überschrift, für seinen Artikel über das, was da politisch gerade in Polen abgeht und setzt ihn in Zusammenhang damit, dass Journalisten daran gehindert werden sollen, es den herrschenden Parteien durch zu kritische Berichterstattung nicht zu ungemütlich zu machen.

Zum Tenor haben beide Artikel aber das gleiche Thema: Man möchte nicht mehr denken müssen, keine Konflikte haben wollen, sich einfach in ein gemachtes Nest setzen und es gemütlich machen, ob nun als Politiker in – eigentlich – verantwortungsvoller Position oder als Student in Vorlesungen.

Denn dass dieses nicht denken zum völligen Gegenteil von dem führen kann, was Mensch beabsichtigt, soll hier mal an einem Beispiel verdeutlicht werden, das sowohl Herr Buchsteiner als auch Herr Lübberding in ihren Artikeln aufgegriffen haben.

Mann wird nicht durch eine Operation zur Frau

Das Beispiel ist der Fall von Germaine Greer, die sich in Cardiff und Oxford massivem Widerstand gegenüber sah, der sogar zu Redeverboten führte. Warum? Sie hatte vor einigen Jahren geschrieben, dass man nicht durch eine Operation zur Frau werde.

Soll ich euch mal was verraten, liebe Shitstormer und Unterzeichner dieser Online-Petitionen gegen ihre Rede? Die Frau hatte recht! Die Operation ist bei einer Transition von einem Geschlecht zum anderen tatsächlich der letzte Schritt. Diesem gehen in der Regel viele Jahre der Selbstfindung voraus und viele andere Schritte, die das Geschlecht der Person definieren. Denn das Geschlecht findet zuallererst im Kopf statt! Und zwar nicht nur in dem der Person, die sich in der Transition befindet, sondern auch in den Köpfen der Mitmenschen! Wenn sich mir ein Mensch mit einem weiblichen Vornamen vorstellt, habe ich sie als Mensch zu behandeln, der zufällig eine weibliche Identität hat. Egal ob die Stimme eher nach der eines Mannes klingt, die Hand beim Händedruck eher dem Gefühl entspricht, man gäbe einem Mann die Hand usw. Sie hat sich mir als Frau vorgestellt, also ist es nicht an mir, daran irgend einen Zweifel zu haben! Selbiges gilt in vollem Umfang natürlich für Frau-Zu-Mann-Transsexuelle! Die Person mag äußerlich und stimmlich noch so sehr wie eine Frau wirken, weil sie sich zum Beispiel im Anfang der Transition befindet. In dem Moment, in dem sich diese Person einem als Mann vorstellt, hat man seine persönlichen Eindrücke wegzupacken und diese Person genau so zu behandeln, wie es angemessen ist, nämlich als Mensch, der zufällig eine männliche Identität hat.

Kommt es zur Operation – denn um die ging es ja im Zitat, das den Shitstorm auslöste -, sind in der Regel alle anderen Hürden schon genommen. Auch der Personalausweis wird in diesem Moment schon lange von einem Geschlecht künden, das dem psychischen Geschlecht der Person entspricht, und den entsprechenden neuen Namen ausweisen. Also ja: Mensch wird nicht durch eine Operation zu Frau oder Mann, er ist es schon längst!

Aber weil eben diesen Jungspunden genau das nicht klar war, dass das Zitat, das eh wahrscheinlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurde, genau so gemeint gewesen sein könnte, wurde ein Shitstorm losgetreten, eine Petition gestartet und Mrs. Greer sogar mit einem Redeverbot belegt! Ja wo kommen wir denn da hin!

Verfall der Meinungs- und Redefreiheit

Ich stimme Herrn Lübberding unbedingt zu, dass dieser Trend, dass Menschen darauf bestehen, ein „Recht auf Behaglichkeit“ zu haben, und die daraus resultierende Political Over-Correctness, wie Herr Buchsteiner sie beschreibt, eine Bedrohung der demokratischen Grundordnung werden können. Zum einen, weil dieses Recht nämlich auch von Volksverhetzern wie Pegida & Co. verwendet wird, um ihre strafrechtlich relevanten Parolen in Dresden, Leipzig und anderswo hinauszubrüllen. Und ich verrate euch mal was: Denen ist die Behaglichkeit von Menschen islamischen oder jüdischen Glaubens scheißegal! Genauso wie die von Schwulen, Lesben, Transsexuellen, Menschen mit Behinderung oder irgend einer anderen Minderheit, die nicht in ihr krankes Weltbild passt.

Und zum anderen, weil ich echt Angst davor habe, dass diese „Eliten“ in Zukunft unsere Länder regieren sollen. Ich finde ja unsere aktuelle politische Elite schon unerträglich mit ihrem Kuschen vor Lobbyisten und der Hörigkeit gegenüber dem Neoliberalismus! Aber wenn in Zukunft da Leute sitzen, die das Denken komplett verlernt haben, weil Mami ihnen alles abgenommen und die Political Correctness für sie an der Uni und vielleicht sogar im Berufsleben eine Komfortzone eingerichtet haben, in der sie sich um nichts, nicht mal ihr eigenes Leben, kümmern mussten. Diese sind dann nämlich leichte Beute für diejenigen, die das Denken nicht verlernt haben und diese Eigenschaft mit Fremdenfeindlichkeit, Hass und anderen totalitären Ideen kombinieren. Pegida & Co. werden ebenfalls von solchen Denkern gelenkt. Und dann werden wir uns zurück sehnen in eine Zeit von Frau Merkels Alternativlosigkeit! Dann sind wir nämlich erneut richtig am Arsch, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern der Welt!

Antiautoritäre Erziehung ist mit Schuld

Ich war nie ein Freund antiautoritärer Erziehung. Diese wird nämlich im allgemeinen als „wir stecken unserem Kind keine Grenzen“ ausgelegt und gelebt, und genau das ist meiner Meinung nach grundfalsch! Kinder brauchen Grenzen und Freiheiten. Kinder müssen lernen, andere so wie sie sind zu akzeptieren und ihnen respektvoll zu begegnen. Die Grenze muss da gezogen werden, wo dieser Respekt nicht mehr gezeigt wird. Gleichzeitig muss ein Kind seine Freiheiten haben und eigene Erfahrungen machen dürfen, um zu lernen, Verantwortung für sich zu übernehmen. Das beginnt bei der berühmten heißen Herdplatte, an der sich ein Kind durchaus einmal die Finger verbrennen dürfen muss, um zu lernen, dass es tatsächlich stimmt, wenn die Eltern warnen, dass diese heiß ist. Kinder müssen auf Bäume klettern und auch mal herunterfallen dürfen, um mehr über sich selbst zu lernen. Und sie müssen auch ab einem bestimmten Alter nicht mehr jeden Tag zur Schule gebracht und von dort abgeholt werden. Man muss sie darüber aufklären, dass es Menschen gibt, die ihnen eventuell böses wollen (Stichwort sexueller Missbrauch) und sie darüber aufklären. Natürlich möchte man als Eltern seine Kinder vor allem Bösen schützen. Das klappt aber nur, wenn man sie darüber auch aufklärt, genauso wie über Gefahren im Straßenverkehr, beim Bäume Klettern usw.

Genauso ist es wichtig, ihnen früh Medienkompetenz beizubringen. Das Internet ist ein Teil unseres Alltags, also muss es auch Bestandteil der Erziehung sein. Und zwar zu Hause, nicht in der Schule!

Ach ja übrigens: Autorität wird durch Souveränität und das Vorleben guter Einstellungen erzeugt, genauso wie durch das Vermitteln des Gefühls, dem Kind ein verlässlicher Partner bei der Vorbereitung aufs Leben zu sein. Konsequenz ist das Stichwort.

Und die Moral von der G’schicht‘?

Ich hoffe inständig, dass diesem Irrsinn der „Political Correctness“ sich möglichst bald eine Bewegung der Vernunft entgegenstellt, die das Miteinander wieder in erträgliche Bahnen lenkt, in der Vielfalt als Bereicherung und der Diskurs als Möglichkeit des Wachstums begriffen werden. Dann haben wir vielleicht auch die Chance, dass wirkliche Probleme wie sexualisierte Gewalt und Rassismus endlich aus der Welt geschafft werden! Indem nämlich wirkliche Solidarität gezeigt wird, weil verstanden wurde, um was es geht, und nicht reflexhafte, weil es chic ist, gegen alles zu sein und ein Shitstorm der neueste heiße Scheiß ist.

Ich habe fertig!

2 Gedanken zu „„Recht auf Behaglichkeit“? Ja seid ihr denn nicht mehr ganz dicht?“

  1. Leider hab ich den Eindruck, es ist bereits auch hier so.
    Es wird auch jetzt schon ein riesen Bohei darüber gemacht, wenn jemand sich angegriffen fühlt oder sich behauptet. Dann wird auf den vermeintlichen Täter sowas eingeschlagen, wie nichts gutes.
    Wenn wir auch die Medien der vergangenen Tage ansehen, stelle ich auch fest, daß deren „Recherche“ oftmals darin besteht, Meinungen von irgendwelchen Leuten aus Twitter oder Facebook zu posten. Als ob das eine fachliche oder inhaltliche Bedeutung hätte, was Lieslichen Müller, gelernte Einzelhandelsverkäuferin, zu Köln oder zu BER sagt?

    Ebenso sieht man es in der Behandlung von Teilen der PEGIDA-Bewegung. Ohne das ich diese jetzt in Schutz nehmen will! Aber man lernt doch als eines der ersten Dinge im gesellschaftlichen Umgang, daß wenn man auf eine Gruppe von leuten einschlägt, diese nicht überzeugt werden, sondern vielmehr dass diese sich selbst bestärkt sehen in ihrer Meinung. Erst recht wenn diese falsch ist,
    Viel schlimmer noch: Wenn man heutzutage für Meinungsfreiheit eintritt, dann kommen sofort irgendwelche Leute im Netz an, die auf ihrern behaglichen Sofa sitzen und Kaffee oder Tee schlürfen und kreischen virtuell rum, daß man ja so die Nazis unterstütze, weil diese behaupten, Meinungsfreiheit zu nutzen. Ja, hakt es noch? Wollen da wirklich Leute Meinungsfeiheit abschaffen, weil diese für alle gleich gilt? Will man Meinungsfreiheit nur noch für genehme Menschen? Und wer bitte ist die Instanz, die wohlweislich von ihrem Sofa aus anhand einzelnen Tweets oder Facebook Kommentare den Menschen als böse oder gut einteilt? Und wer böse ist, verliehrt dann seine Grundrechte und darf fortan nichts mehr sagen oder schreiben? Ohne Bewährung und ohne Gehör versteht sich.

    Ein Hoffnungsschimmer sehe ich, auch wenn dieser einem zynischen Gedankengang zugrunde liegt: Durch dieses ständige Geschrei „sexistische Kackscheisse!“ welches selbst dann angestimmt wird, wenn jemand acuh nur die Tür offen hält, verliert es seine Bedeutung. War es in der Causa des FDP-Politikers noch ein Thema, juckt es derzeit nur noch wenige.
    Und bald niemand mehr.

    Zu dem was du oben sagst, stimme ich voll zu. Viele Menschen sind es nicht mehr gewohnt mit Kritik oder Ablehnung klar zu kommen. Aber es gibt auch eine andere Seite: Die andere Seite muss auch lernen, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden. Jemand ist getroffen und beleidigt von den eigenen Äußerungen und macht deswegen Krawall?
    Ja, dann ist es halt so.

    Juckt es mich, wenn ich auf der Strasse von einem Fremden angepflaumt werde, weil ich mit einem Alstersegler auf dem Kopf in Bayern rumwandere? Lass ich mich auf jeden Werbezettelausteiler in der Stadt ein, der mich beglücken will? Was wird gar der Vertreter der Zeugen Jehowas denken, wenn ich dem die Tür vor die Nase zuknalle?
    Wir können es nicht allen Menschen recht machen. In der Offline-Welt haben wir uns längst daran gewöhnt. Es wird Zeit das wir das auch online tun.

    1. Danke Dir für Deinen Kommentar! Stimme Dir zu, dass vielen, um nicht zu sagen sehr vielen, mehr Gelassenheit im Netz sehr gut zu Gesichte stünde. Das heißt nicht, dass man fremdenfeindliches Gedankengut oder Ausfälligkeiten z. B. Aufgrund des Geschlechts einer Person kommentarlos hinnehmen sollte, wenn man selbst mittelbar oder unmittelbar beteiligt ist. Aber gerade wenn jemand anderes eine Meinung vertritt, die einem selbst zwar nicht passt, die aber eben keiner dieser wirklich extremen Kategorien angehört, einfach mal die Klappe zu halten und kopfschüttelnd weiterzuklicken, tut erstaunlich gut. Weniger Aufregung ist nämlich viel besser für die Gesundheit und lässt Platz, sich um die wirklich wichtigen Probleme zu kümmern.

Was denkst Du darüber?