Einarbeit mit Hexe geht los

Am gestrigen 03.07. war es soweit: Falko und ich brachen zur Blindenführhundschule Grün auf, um die Einarbeit mit Falkos Nachfolgerin Hexe zu beginnen.

Die Zugfahrt selbst verlief sehr ruhig und klimatisiert, was angesichts von Außentemperaturen schon morgens um die 30 Grad Celsius sehr angenehm war.

Am Bahnhof in Mannheim holte uns die Trainerin ab, allerdings ohne Hexe, weil der die Fahrt im heißen Auto nicht zugemutet werden sollte, wenn es nicht unbedingt nötig tat. Und das tat es ja nicht, weil noch kein Training stattfinden sollte.

Bei der Ankunft waren Hexe und Falko sofort aneinander interessiert, und Hexe begrüßte mich auch sehr freudig.

Beim Auspacken waren Falko, Hexe und ich dann das erste Mal allein. Sie war sehr interessiert an dem, was ich tat, und als ich Falkos Geschirr in die Hand nahm, um es irgendwoanders zu plazieren, stupste sie es mehrmals an, so als wollte sie sagen: „Hey, damit kann ich auch was anfangen, zieh es mir doch an!“ Dazu muss erwähnt werden, dass Falko und ich vor zwei Wochen zum Kennenlernen hier waren und Hexe und ich einen Probelauf absolvierten, sie mich also auch schon mit einem Führgeschirr verknüpfen kann.

Die erste Nacht verlief sehr ruhig. Es war ziemlich warm, aber die beiden kuschelten sich im Zimmer gemütlich auf Decke bzw. Hundematratze, und es wurde dann auch durchgeschlafen. Morgens kam Hexe dann ein, zweimal an, um zu gucken, ob ich schon wach war, und gab Köpfchen zur Begrüßung.

Hexe ist ein sehr ausgeglichener Hund mit einem freundlichen Wesen, neugierig, und wenn es angebracht ist, auch schön verspielt (sie ist ja im März erst zwei Jahre alt geworden), aber auch sehr arbeitsfreudig und war beim Probelauf mit dem nötigen Ernst bei der Sache.

Heute werden wir die Beziehung weiter vertiefen. Sie ist sehr interessiert an allem, was ich mache, läuft mir viel hinterher und guckt mir auf die Finger. 🙂

Demnächst mehr an dieser Stelle!

Gedanken zu unnötigem Papierwust im Jahre 2010

Wir schreiben den 28.06.2010. E-Mail ist seit über 10 Jahren fester Bestandteil des Arbeitsleben und auch im privaten Bereich seit Jahren nicht mehr wegzudenken. Twitter, Facebook und andere Social Networks haben die Austauschmöglichkeiten der Menschen weltweit revolutioniert. Man kann heute Bahntickets per Handy lösen und abscannen lassen. Flugtickets werden schon seit geraumer Zeit vorwiegend online verkauft.

Und dann gibt es da so Organisationen wie Verwaltungsorgane, Vereine, Parteien o. ä., die auch im jahr 2010 einen Papierwust produzieren, der jedem umweltbewussten Bürger jedesmal die Tränen in die Augen treibt, wenn sie/er einen Umschlag öffnet, nur um eine Mitteilung vorzufinden, deren Inhalt auch problemlos per E-Mail hätte mitgeteilt werden können. Der Umschlag wandert ins Altpapier, die Mitteilung in der Regel auch, und beides muss recycelt werden.

Genauso ging es mir heute beim Bearbeiten der Einladung zur Jahresdelegiertenversammlung meines lokalen Sportvereins, der Turn- und Sportgemeinschaft Bergedorf. Ich bin als Delegierter der Judosparte mit eingeladen. Der Umschlag enthielt 8, in Worten acht, Din-A4-Blätter mit Infos zur Versammlung. Es musste nichts ausgefüllt werden, es war reiner Informationsgehalt. Und da der Brief acht Bögen Papier enthielt, kann man davon ausgehen, dass er mehr Porto als ein Standardbrief gekostet hat. Wieviele Delegierte da heute Abend aufschlagen werden, weiß ich nicht, ich gehe aber mal von mindestens 50 aus. Die TSG ist eine große Gemeinschaft.

Diese Schreiben wurden natürlich am Computer, also digital erstellt und dann ausgedruckt. Die Bögen enthielten jedoch nichts, was nicht auch per E-Mail hätte übertragen werden können.

Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ja jedes Gesetzesvorhaben in Bund und Ländern auf Papier gewälzt wird, weil ja z. B. iPads im Bundestag verboten sind und jeder Verein, jeder Ortsverein einer Partei, jede behördliche Mitteilung so an millionen „Betroffene“ verschickt wird, und wenn ich das dann aus Deutschland auf den Rest der Welt projiziere, wird mir schlecht.

Seit Jahrzehnten wird über das papierlose Büro gesprochen. Die Realität ist, dieses gibt es auch im jahr 2010 noch nicht. Stattdessen wird die Umwelt weiter mit Papiermüll belastet.

Von den Vorteilen, die digitale Übermittlung aller relevanten Informationen für Menschen mit verschiedenen Behinderungen mit sich brächten, habe ich ja noch gar nicht mal angefangen zu schreiben. Ich musste diese acht Seiten der Einladung ja erstmal scannen und erkennen lassen. Das hat bestimmt hochgerechnet eine Viertelstunde gebraucht. Und ich muss mit den Ungenauigkeiten und teilweise verrissenen Tabellen leben, die die Zeichenerkennung bei der Layoutanalyse zwangsläufig mit sich bringt. Wil lich ganz sicher gehen, muss ich so einen Erkennvorgang zwei bis dreimal durchführen lassen oder sogar eine sehende Person fragen. Und am Ende werden diese acht seiten im Altpapier landen, denn nach der Delegiertenversammlung sind die Inhalte nicht mehr relevant für den einzelnen Delegierten. Für mich jedenfalls nicht.

Blind ist nicht gleich blind

Gestern entspann sich auf Twitter eine Diskussion, nachdem Heiko Kunert diesen Artikel getwittert hatte. Die zentrale Frage war, was Farben für Blinde bedeuten.

Und es wurde, nicht zuletzt durch einen Passus im Artikel selbst, klar, dass blind nicht zwangsläufig gleich blind ist. Der im Artikel benannte Alf Michael Conrad und Heiko konnten mal sehen, ich hingegen bin geburtsblind, d. h., ich bin schon blind geboren. Heiko und Alf Michael haben eine aktive Erinnerung an Farben, ich hingegen habe Farben nie gesehen. Ich muss die Bedeutung verschiedener Farben lernen wie Vokabeln einer Fremdsprache. Ich habe mir also irgendwann mal erklären lassen, dass rot auf Sehende sowohl wärmend als auch warnend wirkt (das wärmende Gefühl beim Betrachten eines Sonnenuntergangs, aber das warnende Rot einer Ampel). Blau hingegen wird als kalt empfunden. Mit grün verbinde ich den Geruch frisch gemähten Grases. Und ich wurde gerade neulich gebeten, dass ich meinen hoffentlich demnächst durch eine Prüfung erlangten orange-grünen Judogürtel bitteschön nicht zu lange tragen soll, da diese Farbkombination sehr „stechend“ sei. 🙂

Wenn aber jemand Heiko gegenüber bestimmte Farben erwähnt, so kann er diese ganz anders einsortieren, er hat eine Erinnerung daran, wie die Farbe aussieht. Und er kennt auch Farbkombinationen. Ich hingegen muss mir merken, dass bestimmte Kombinationen von Kleidung eventuell etwas „schreien“ könnten.

Aber auch bei Geburtsblinden gibt es unterschiedliche Abstufungen. Meine Blindheit ist eine Retinitis Congenita Leber, die im allgemeinen dem Blinden ein Hell-Dunkel-Sehen lässt. So auch mir. Andere Geburtsblinde erlangten ihre Blindheit eventuell durch eine zu hohe Sauerstoffversorgung beim Aufenthalt im Brutkasten (Frühgeburt). In solchen Fällen ist das Hell-Dunkel-Sehen in der Regel nicht vorhanden.

Ich sehe also, ob es Tag oder Nacht ist. Ich sehe auch den Unterschied zwischen Kunstlicht und natürlichem Licht. Ich nehme auch unterschiedliche Intensitäten von Licht wahr, also z. B. ob der Himmel wolkenverhangen ist oder die Sonne ungehindert vom blauen Himmel strahlt. Auch die Wirkung eines Dimmers ist mir bekannt. Ich mache mir in der Regel sogar abends Licht an, wenn es draußen dunkel geworden ist.

Aber ich sehe keine Farben. Ich sehe also, dass da Licht ist, aber nicht, auf welcher Wellenlänge es „sendet“. Auch reicht die Hell-Dunkel-Wahrnehmung nicht zum Erkennen von Gegenständen oder ähnlichem, so dass sie mir bei der Orientierung und Bewältigung von Wegen überhaupt nicht hilft.

Und bevor jemand fragt: nein, ich kann Farben nicht erfühlen! 🙂

In der Diskussion ging es später auch noch um alltägliche Floskeln wie „siehste?“ oder „ich gucke mir einen Film an“. Ich selbst bin der Meinung, dass es der Integration nicht gerade zuträglich ist, die Sprache nur wegen der Blindheit zu verbiegen. Ich sage genauso, dass ich mir einen Film im Kino oder Fernsehen angucke. Im Gegenteil: Es klingt selbst für meine Ohren komisch und ungelenk, wenn ich sagen würde, ich höre mir einen Film an. Technisch gesehen stimmt das zwar, aber es klingt trotzdem nicht richtig! 🙂

es kommt oft vor, dass Sehende sich darüber wundern. Sie erwarten automatisch, dass wir, nur weil wir nicht sehen können, gleich eine andere Sprache sprechen. Es gibt mit Sicherheit Blinde, die dies aus meiner Meinung nach übereifrigem Aktionismus tun. Ich selbst gehöre nicht dazu und fühle mich in Gegenwart auch nicht erfahrener Sehender wesentlich „zugänglicher“ so. Ich sehe es sogar so, dass, wenn jemand nur wegen meiner Blindheit Floskeln wie „Siehste?“ vermeidet, mich diese Person ausgrenzt. Und so etwas spreche ich dann auch an!

Also, wir sind längst nicht so „gut“ in Abstufungen wie unsere sehbehinderten Mitmenschen, wo es ja hunderte unterschiedlicher Sehschwächen gibt, aber auch wir Blinden sind nicht alle gleich! 😉