Kommunikation mit Aspies leichter gemacht

Seit dem 15.12.2012 gibt es, ausgelöst durch einen Bullshit-Artikel auf Spiegel Online, sowohl einen berechtigten massiven Protest von Menschen mit Autismus und deren Interessenverbänden als auch immer wieder und immer mehr Gespräche, die zu einem besseren Verständnis zwischen Autisten und Nicht-Autisten führen. Zu diesen Gesprächen soll dieser Blogeintrag beitragen. Über den Bullshit von Spiegel, Blick und BILD haben Mela, der Querdenker, Autzeit, Hawkeye und andere in den letzten Tagen ausführlich gebloggt. Das brauche ich hier nicht zu wiederholen.

Vorbemerkung: Ich selbst bin Angehöriger einer Frau mit Asperger-Syndrom, welches ein Teil des autistischen Spektrums ist. Genauere Informationen, was Autismus ist und auch nicht ist, findet sich u. a. in einem Beitrag bei RollingPlanet.

Im folgenden möchte ich einige Hinweise und Ratschläge geben, die vielleicht dazu beitragen können, die Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen mit Autismus und solchen ohne zu erleichtern. Ähnlich wie bei Blinden (nicht einfach irgendwo hinzerren, wenn man ihnen den Weg zeigen möchte) oder Rollstuhlfahrern (nicht einfach den Rollstuhl irgendwohin schieben, weil man vermeintlich helfen möchte) gibt es einige einfach zu befolgende Dinge, die in vielen Fällen Missverständnisse vermeiden helfen können.

Kommunikation

Eine der Schwierigkeiten, die Menschen mit Autismus häufig haben, ist die zwischenmenschliche Kommunikation auf allen Ebenen außer der rein sachlichen bzw. wortwörtlichen Ebene. Häufig haben Worte, Redewendungen o. ä. mehrschichtige Bedeutungen. Neuro-typische Menschen, also solche ohne Autismus, verstehen diese mehreren Ebenen intuitiv, aus dem Bauch heraus. Menschen mit Autismus müssen hier fast immer eine intellektuelle Leistung vollbringen, um die verschiedenen Schichten einer Aussage zu entwirren.

Nehmen wir uns mal diese Redewendung vor: „Woran machen Sie das fest?“ „das“ kann zum Beispiel eine beliebige Feststellung sein. Die Frage lautet im eigentlichen Sinne: „Welche Gedanken führen zu Ihrer Schlussfolgerung?“ Menschen ohne Autismus wissen dies sofort einzuordnen. Es muss keine Transferleistung erbracht werden, weil das Bauchgefühl bzw. der automatisch arbeitende Interpreter weiß, was gemeint ist. Dieser Mechanismus fehlt bei den meisten menschen mit Autismus. Sie müssen sich antrainieren, dass „Woran machen Sie das fest?“ nicht bedeutet, dass nach einem festen Gegenstand gefragt wird, an dem man einen anderen Gegenstand festbindet (z. B. ein Boot an einem Steg, ein Fahrrad an einem Fahrradständer usw.). Es ist auch nicht gemeint: „An welchem Gegenstand soll der Gedanke festgebunden werden?“ Sondern es muss übersetzt werden, dass „das“ der Gedanke, die Schlussfolgerung ist und dass das Festmachen hier im übertragenen Sinn gemeint ist, nämlich dass nach der Grundlage einer Schlussfolgerung, den Gedankengängen, die zu einem bestimmten Ergebnis geführt haben, gefragt wird.

Andere Beispiele sind emotionale Zwischentöne. Ein Klassiker ist: „Was ist los?“ – „Es ist nichts los!“ Diese Antwort besagt in vielen Fällen, dass sehr wohl ein Problem vorliegt, die antwortende Person aber darüber in diesem Moment nicht reden möchte. Dass dies in der Regel damit einher geht, dass die antwortende Person zusätzlich sauer, wütend, verletzt o. ä. ist, wird implizit als bekannte Tatsache vorausgesetzt. Die Antwort heißt also im Klartext: „Ich bin sauer/wütend/verärgert/verletzt und will darüber jetzt nicht reden.“ Die Aussage „es gibt kein Problem“, die aber wortwörtlich getroffen wird, wird von Menschen mit Autismus jedoch für bahre Münze, also als genau so gemeint, aufgefasst. Erst durch teilweise jahrelanges Training und dem Sammeln von Erfahrungen wird vielleicht beim einen oder anderen Menschen die Vielschichtigkeit dieser Aussage erfasst. Im Umkehrschluss bedeutet natürlich nicht in jedem Fall, dass „es gibt kein Problem“ immer diese Vielschichtigkeit hat. Manchmal meinen neuro-typische Menschen diese Aussage tatsächlich wörtlich!

Randbemerkung: Diese Missverständnisse gibt es nicht nur zwischen Menschen mit Autismus und solchen ohne, sondern auch allgemein vor allem in Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Während die überwiegende Mehrzahl der männlichen Bevölkerung eher direkt und ohne Vielschichtigkeit kommuniziert, ist die überwiegende Mehrzahl der Frauen quasi Spezialistin in vielschichtiger Kommunikation. Entsprechend wird von ihnen auch erwartet, dass der männliche Beziehungspartner später auf sie zukommt, um das natürlich noch vorhandene Problem dann doch auszudiskutieren, die Partnerin zu trösten o. ä. Tut ein Mann dies nicht, weil er ihre Worte als genau das verstanden hat, was sie ausgesagt haben, ist der nächste Streit schon vorprogrammiert. Viele Männer lernen natürlich im Lauf der Zeit, auf die Zwischentöne oder sonstigen nonverbalen Signale der Partnerin zu hören und entsprechend zu reagieren. Aber auch von ihnen erfordert dies oft eine aktive Interpretationsleistung.

Es ist kein Zufall, dass viele Menschen mit Autismus äußern, mit Männern in der Regel besser kommunizieren zu können als mit Frauen, da die Kommunikation auf der sachlich-analytischen Ebene abläuft und nicht mit einem Satz gleich mehrere Bedeutungen verknüpft sind, aus denen immer die richtige herauszupicken selbst für viele neuro-typische Menschen fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Wie viel schwerer für Menschen mit Autismus, die jedes Wort analysieren, ihre Erfahrungen einfließen lassen und ihre Kenntnis über das Gegenüber einbauen müssen, um annähernd abschätzen zu können, was denn nun gemeint sein könnte!

Genauso passiert es häufig, dass Missverständnisse daraus entstehen, dass neuro-typische Menschen Menschen mit Autismus zu interpretieren versuchen. Der Mensch mit Autismus sendet eine verbale Botschaft, die genauso gemeint ist wie sie gesagt wird. Das ist in nahezu 100% der Fälle anzunehmen. Denn sich vorzustellen, auf welche Weise eine Aussage vielleicht interpretiert werden könnte, ist ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. Das neuro-typische Gegenüber interpretiert dann eine solche Aussage doch, entweder aus Unwissenheit, aus Reflex (weil man das ja so in Gesprächen macht), und schon ist ein Missverständnis da, denn die Botschaft ist beim Empfänger anders angekommen als der Absender sie gemeint hat, und der Absender versteht wiederum nicht, auf welche Weise seine Aussage interpretiert wurde, weil es doch so viele Möglichkeiten gibt.

Es täte den Menschen im Allgemeinen sehr gut, direkter miteinander zu sprechen, das ständige Interpretieren bleiben zu lassen und so Missverständnisse zu vermeiden. Dies betrifft Beziehungen aller Art, nicht nur partnerschaftliche, sondern auch geschäftliche, politische und andere.

Meine Empfehlung: Wenn Sie als neuro-typischer Mensch mit einem Menschen mit Autismus kommunizieren, egal welches Geschlecht dieser Mensch hat, gehen Sie davon aus, dass Ihr Gegenüber auf der sachlich-analytischen Ebene mit Ihnen spricht und nicht in irgendwelchen doppelt und dreifach transferierten Ebenen. Ihr Interpretationsversuch wäre in jedem Fall zum Scheitern verurteilt, denn die tatsächlich gemeinte Bedeutung wurde Ihnen durch den Absender schon direkt geliefert, ohne Schnörkel, ohne doppelten Briefumschlag. Umgekehrt gilt: Sprechen Sie direkt, lassen Sie im Zweifel auch jede Diplomatie aus dem Spiel und erwarten Sie nicht, dass Ihre Botschaft vom Gegenüber erst aus zwei oder drei Briefumschlägen herausgefischt wird, die alle mit unterschiedlichen Aufklebern für die Ebenen versehen sind, die Sie gemeint haben könnten. Das Gegenüber wird, je nachdem wie gut Sie sich kennen und Ihr Gegenüber gelernt hat, Sie zu lesen, Ihr Wort mehr oder weniger häufig für bahre Münze nehmen.

Gestik, Mimik

Der bedeutungsschwangere Blick, das verschwörerische Zuzwinkern, das einander Zunicken zweier Tatortpolizisten, und beide wissen, wer zuerst schießt, eine Handbewegung, und das Gegenüber weiß sofort bescheid. Ähnlich wie Blinden entgehen auch vielen Menschen mit Autismus diese nonverbalen Signale bzw. deren Bedeutung völlig. Es ist kaum feststellbar, was ausgedrückt werden soll, es findet keine offensichtliche Kommunikation statt. Gehen Sie also in der Regel nicht davon aus, dass ein Mensch mit Autismus Sie versteht, nur weil Sie auf eine bestimmte Weise schauen, auf eine Bemerkung hin mit einem irgendwie verzogenen Gesicht nicken, in einer bestimmten Situation eine Handbewegung nach rechts oder links machen. Das Signal wird in sehr vielen Fällen nicht beim Empfänger ankommen. Es gibt natürlich Menschen mit Autismus, die solche Gesten und Mimik verstehen, weil ihre Schwierigkeiten in anderen Gebieten zu finden sind, oder solche, die es durch jahrelanges Training zumindest bei manchen Menschen zu interpretieren gelernt haben. Aber ähnlich wie bei der verbalen Kommunikation gilt: Je direkter, desto besser!

Andere sensorische Wahrnehmung

Viele Menschen mit Autismus haben entweder über- oder unterempfindliche sensorische Wahrnehmungen. Bestimmte Filter im Gehirn funktionieren nicht so wie bei neuro-typischen Menschen. So ist die optische Wahrnehmung z. B. so ungefiltert, dass jedes kleine Detail eines Raumes aufgenommen wird, und sei es für den Anlass auch noch so unwichtig. In der Umgebung eines Gastronomiebetriebes werden die umgebenden Geräusche und Gespräche von anderen Tischen so laut wahrgenommen wie das Gespräch am eigenen Tisch. Die Filterung dieser unwichtigen Nebengeräusche funktioniert nicht. Stellen Sie sich eine Filmsequenz vor, in der sich zum einen keine Objekte im Hintergrund befinden, sondern alle Elemente eines Raumes gleich stark auf der Mattscheibe präsent sind und Ihnen nicht klar ist, was sich eigentlich im Vordergrund abspielt. Gleichzeitig sind alle Geräusche gleich laut, es gibt keine Differenzierung zwischen dem vordergründigen Gespräch und den normalerweise im Hintergrund vor sich hin rumorenden, aber vom neuro-typischen Gehirn weggeblendeten Geräuschen. Der Toningenieur hat alles gleich laut ausgesteuert und zwingt Ihnen die Geräusche auf, ohne Ihnen eine Chance zur Filterung zu geben. So, überspitzt dargestellt, können Sie sich ungefähr die Wahrnehmung solcher Menschen mit Autismus vorstellen, deren sensorische Filterung optischer und akustischer Reize nicht so funktioniert wie bei Ihnen.

Das gleiche gibt es natürlich auch beim Geruchs- und Tast- bzw. Berührungssinn. Geruchsempfindlichkeit kann bei einer starken Parfümierung bei Menschen mit Autismus zu einer sehr starken Belastung werden. Eine plötzliche Berührung kann sehr unangenehm sein und zu einem starken Schrecken führen.

Das Herausfiltern von unwichtigen Details ist eine intellektuelle Herausforderung, der sich viele Menschen mit Autismus jeden Tag in jeder Sekunde stellen müssen, in der sie irgendwo unterwegs sind. Das ermüdet. Ermüdet das Gehirn zu stark, und hören die Reize nicht auf, so kann dies zu einem sog. Overload, einer Überladung des sensorischen Inputs, führen. Das Gehirn ist dann nicht mehr in der Lage, die Filterung vorzunehmen, und alles strömt mit voller Wucht auf diejenige Person ein. Die Folge ist ein Fluchtreflex. Der sensorische Input muss sofort auf einen Wert möglichst nahe 0 heruntergefahren werden. Ein Mensch mit Autismus, der im Overload ist, ist zu fast nichts anderem mehr in der Lage, als diesem Flucht- und Schutzreflex Folge zu leisten. Jeder weitere Kommunikationsversuch würde in einem solchen Moment die Situation weiter eskalieren. In leichteren Formen oder wenn ein Overload zwar in die Nähe des Möglichen rückt, aber noch nicht eingetreten ist, können stressabbauende Maßnahmen wie leichtes Schaukeln, die Beschäftigung und Konzentration auf einen bestimmten Gegenstand oder Tätigkeit zu einer Beruhigung und Linderung der drohenden Symptome führen. Ist es jedoch soweit, dass ein Overload eingetreten ist, sollte ein Mensch mit Autismus in Ruhe gelassen, ihm eine komplette Rückzugsmöglichkeit gegeben werden. Nichts mehr hören, keine unnötigen Berührungen oder Gerüche, möglichst vielleicht auch noch ein abgedunkelter Raum, um die optischen Reize soweit wie möglich herunterzufahren.

All dies sind natürlich nur Beobachtungen aus eigener Erfahrung oder aus Erzählungen von Menschen mit Autismus aus meinem Umfeld. Wie bei allen menschlichen Befindlichkeiten gilt: Auf das Individuum kommt es an. Ähnlich wie Autismus selbst ein Spektrum ist, so sind auch die Ausprägungen, Symptome oder Bewältigungsstrategien eines sensorischen Overloads sehr unterschiedlich.

Wenn Sie also einen Menschen mit Autismus sehen, der den Eindruck macht als stünde er gerade sehr unter Stress, unterdrücken Sie bitte Ihren Reflex, unbedingt helfen zu wollen! Sie helfen einem solchen Menschen am besten, indem Sie gar nichts tun, sondern ihn einfach in Ruhe lassen. Wenn er Ihre Hilfe braucht, wird er es Ihnen sagen oder anders, zum Beispiel schriftlich, weil sprechen gerade nicht möglich ist, mitteilen.

Fazit

Ich hoffe, diese Ausführungen helfen dem einen oder anderen Leser in der Zukunft, wenn es um eine möglichst reibungslose Verständigung zwischen Menschen ohne und mit Autismus geht! Die wichtigsten Faustregeln lauten: Kommunizieren Sie möglichst direkt und ohne viel Interpretationsspielraum, interpretieren Sie selbst das Gesagte nicht unnötigerweise, und erwarten Sie nicht, dass Gestik und Mimik immer sofort verstanden werden. Stellen Sie nie zu viele Fragen auf einmal. Sollte sich eine Person mit Autismus in einem Zustand des Overloads befinden oder darauf zusteuern, tun Sie Ihr mögliches, um den sensorischen Input zu reduzieren und reagieren Sie nur, wenn Sie darum gebeten werden und lassen Sie die Person ansonsten einfach in Ruhe. Wenn die neuro-typischen Menschen unter uns, mich eingeschlossen, diese Dinge in Zukunft mehr beachten, werden wir unseren Mitmenschen mit Autismus den Umgang mit uns und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erleichtern und allgemein das Risiko für Missverständnisse erheblich mindern!