Bewunderung? Bewunderer, lasst das!

In dieser Woche ist es zweimal vorgekommen, dass mir gegenüber von mir wildfremden Menschen aus heiterem Himmel ihre „große Bewunderung“ zum Ausdruck gebracht wurde. Einmal per Mail, einmal per privater Nachricht bei app.net.

Die Wortwahl war in beiden Fällen ähnlich: „Deine Lebenseinstellung ist bewundernswert“ oder „Ich bewundere Menschen wie dich…“

Dies ist beileibe nicht das erste Mal, dass mir so etwas gesagt wird. Nichts desto weniger lässt es mich immer wieder sprachlos zurück. Denn es kommen gleich mehrere Fragen in meinem Kopf zustande:

  • Erwartet der Schreiber eine Antwort?
  • Wenn ja, was für eine? Dank? Einen Kniefall? Eine herzzerreißende Lebensgeschichte, die ihn darin noch bestätigt?
  • Was will er oder sie mir gegenüber wirklich zum Ausdruck bringen?

Oh ja, ich stelle mir gerade auch diese letzte Frage immer wieder, wenn ich solche „Komplimente“ bekomme. Denn was drückt diese Art der „Bewunderung“ denn aus? Hier mal einige Vorschläge:

  • „Dass du als Behinderter überhaupt dazu fähig bist, solche Artikel zu schreiben, ein Handy zu benutzen….“ oder Varianten hiervon.
  • „Dass du nicht vor Gram zu Hause sitzt und von einer Depression in die nächste rutschst“
  • „Dass Blinde überhaupt selbstständig lebensfähig sind!“

Diese Liste ließe sich sicherlich noch erweitern, aber ich denke, es wird deutlich, wie solche „Bewunderung“ bei mir ankommt.

Und das ist der Moment, wo ich dann fassungslos vorm Rechner sitze und mich frage, was für eine Vorstellung der Schreiber oder die Schreiberin denn von meinem Leben überhaupt hat. Stellen sie sich vor, dass ich, wie angeblich einst Kaspar Hauser, die ganze Zeit von der Öffentlichkeit ferngehalten würde? Dass Blinde im allgemeinen und ich im besonderen doch so etwas wie Computer bedienen gar nicht können dürften, weil sie ja den Bildschirm nicht sehen? Dass Blinde allein überhaupt nicht (über)lebensfähig seien?

Was ist es, das manche Mitmenschen zu solchen Äußerungen bringt? Denn obwohl es in Deutschland in puncto Behindertenpolitik noch viel zu kritisieren und zu verbessern gibt, ist es doch so, dass es seit Jahrzehnten strukturierte Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Blinde gibt, angefangen von der normalen schulischen Ausbildung über Berufsausbildungen oder Studium hin bis zu Förderungsmaßnahmen für Späterblindete. Wenn man sich nicht selbst isoliert und etwas mit seinem Leben machen will, dann kann man dies in diesem Lande durchaus tun!

Dabei unterstelle ich den Schreibern keineswegs Boshaftigkeit in ihren Worten. Im Gegenteil: Weil sie sich selbst wahrscheinlich überhaupt nicht vorstellen können, mit einer Behinderung, sei es nun Blindheit oder eine andere, zu leben, heben sie Behinderte bzw. in diesem Fall mich, auf ein Podest. Ich entspreche eben so gar nicht ihrer Vorstellung. Meine Lebenspartnerin @Akshaya hat hierüber an dieser Stelle noch viel ausführlicher und sehr treffend geschrieben.

Wären diese Anschreiben einfach Danksagungen für einen bestimmten Artikel oder eine Hilfestellung gewesen, weil man z. B. neue Erkenntnisse gewonnen hat, hätte ich mich einfach nur gefreut und mich bedankt. So weiß ich nach wie vor nicht, wie ich darauf reagieren soll. Mich bedanken dafür, dass jemand davon überrascht ist, dass ich ein ganz normales Leben führe? Öhm sorry, das passt irgendwie gar nicht zusammen!

Übrigens ist mir so etwas bisher nur in Deutschland gesagt worden. Durch meine Arbeit und mein englischsprachiges Blog bin ich auch über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes nicht ganz unbekannt. Und aus dem Englischen kam bisher niemand auf die Idee, mich dafür zu bewundern, dass ich lebe. Klar wird sich für Artikel bedankt, diskutiert o. ä., aber dass ich prinzipiell zu einem ganz normalen Leben fähig bin, ist noch nie angezweifelt worden.

Mich verunsichert diese Art Umgangsform sehr. Ich weiß dann überhaupt nicht, wie ich mich verhalten soll. Erklären, dass ich ein ganz normales Leben führe und so versuchen, den Sockel, auf den ich gerade gestellt wurde, zu zerschmelzen? Mich bedanken, auf so einen Sockel gehievt worden zu sein? Ich habe absolut keinen Plan! Über erklärende Kommentare würde ich mich sehr freuen!

Diskriminierung aus den eigenen Reihen ist die schlimmste

Auf Twitter entspann sich heute eine der ekelhaftesten Diskussionen, die ich in diesem Medium jemals erlebt habe. Ennomane war zu Gast bei ZIBB und berichtete über den Erhalt eines Cochlea-Implantats. Er verlor im jugendlichen Alter sein Hörvermögen und hat durch das CI einen Teil davon jetzt, ca. 20 Jahre später, zurückerlangt.

Als Reaktion darauf warf EinAugenschmaus ihm vor, er hätte sich in diesem Beitrag als gehörlos bezeichnet, obwohl er das laut (ihrer) Definition gar nicht sei, weil er nicht von Geburt an gehörlos sei. „Spätertaubt“ oder „schwerhörig“ wären angemessen gewesen, „gehörlos“ jedoch auf gar keinen Fall.

Das war nicht das erste Mal, dass ich solche oder ähnlich geartete Aussagen von EinAugenschmaus lesen musste. Diese scheinbare Einteilung in Gehörlose erster und zweiter Klasse erschreckt mich zutiefst.

Würde ich diese Aussage auf das Thema Blindheit übertragen, hieße das, dass ich, der ich geburtsblind bin, ein „besserer“ Blinder wäre als mein bester Freund, der im Alter von 18 Jahren sein Augenlicht verlor. Dabei bin ich es, der eine Hell-Dunkel-Wahrnehmung hat, der Freund hingegen gar kein Lichtempfinden mehr hat, da er zwei Glasaugen trägt. Darf er sich, oder darf ich mich dann nicht als „blind“ bezeichnen? Der Effekt ist der gleiche: Wir können beide keine Farben sehen, keine Gegenstände, kein Auto fahren, keine Straßen- oder Hausnummernschilder lesen usw.

Der Freund musste die Brailleschrift nach seiner Erblindung erlernen, ich erlernte sie in der Grundschule. Diese Schrift ist eine eigene Schriftsprache, die aber auch von Sehenden erlernt werden kann. Genauso kann Gebärdensprache von im Laufe des Lebens ertaubten Menschen und Hörenden gleichermaßen erlernt werden. Selbst ich beherrsche einige wenige rudimentäre Gebärden, z. B. meinen Namen. Ist der eine dann gehörloser als der andere, nur weil der andere zufällig einen Teil seines Lebens hören konnte?

Genauso könnte man fragen, ob nur Männer, die sich regelmäßig in einen Fummel schmeißen, Anzugträger oder Lederkerle als einzige das „Recht“ haben, sich als schwul zu bezeichnen. Ist nur derjenige „richtig“ schwul, der auf BDSM-Praktiken steht? Ist nur die Frau „richtig“ lesbisch, die in ihrem Leben noch nie eine Erfahrung mit einem Mann gemacht hat oder – Gott bewahre – gar Mutter eines oder mehrerer Kinder ist?

Ist nur derjenige ein echter Rollstuhlfahrer, der einen Querschnitt hat, derjenige, der aufgrund einer Spastik im Rollstuhl sitzt, sich aber notfalls ein paar Meter auf den Beinen oder dem Hintern ohne Rollstuhl fortbewegen kann, aber nicht?

Mir würden sicherlich noch zig Beispiele mehr einfallen. Ich stoppe aber hier. ich denke, die Absurdität dieser anscheinenden Einteilung dürfte jedem klar geworden sein.

Solange eine „Community“, eine „Randgruppe“ Mitglieder hat, die eine solche diskriminierende Einteilung vornehmen, braucht sie keine Diskriminierung von außen, denn die schlimmste aller Diskriminierungen kommt von innen. Der weitläufige Spruch „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr“ passt hier ziemlich gut.

Und es erschreckt mich. Es erschreckt mich zu sehen, wie durchaus nicht wenig prominente Mitglieder einer „Community“ ihrer eigenen Sache so schaden können. Denn wer soll die Anliegen einer solchen „Community“ ernst nehmen, wenn innerhalb derselben Mitgliedern so ins Knie geschossen wird?

Das Cochlea-Implantat ist in der Gruppe der Gehörlosen nicht unumstritten. Die einen meinen, wenn es eine Chance gibt, in der Umwelt, die nun mal von Hörenden dominiert wird, besser zurecht zu kommen, sollte man sie nutzen. Die anderen besingen die apokalyptische Vision des Untergangs der eigenen, besonderen Kultur. Es gibt sogar gehörlose Eltern, die ihrem ebenfalls gehörlosen Kind ein CI verweigern mit der Begründung, das würde das Kind mit der Kultur der Hörenden „vergiften“.

Das wäre ungefähr so, als würde ich mir, der ich mit einem Blindenführhund unterwegs bin, anmaßen zu sagen, wer stattdessen einen weißen Stock als Mobilitätshilfe verwendet, wäre ein „schlechterer Blinder“. Ich fluche zwar ab und an wie ein Rohrspatz, wenn ich mal mit Stock unterwegs sein muss, weil sich dies für mich tatsächlich wie eine eingeschränkte Mobilität anfühlt. Das ist aber mein rein persönliches Empfinden und bedeutet nicht, dass ich die Orientierung per Stock per se als zweitklassig einstufen würde.

Diese ganze Geschichte hinterlässt bei mir einen sehr bitteren Nachgeschmack. ich sitze fassungslos vorm Rechner und denke mir, ich bin im falschen Film!

Ich wünsche mir, dass die Communities geschlossen für ihre Sache einstehen, anstatt sich intern gegenseitig wegen eventuell unterschiedlicher Lebensentwürfe im einen oder anderen Punkt zu behakeln. Denn die großen Ziele, seien es Untertitel oder Gebärdensprach-Erweiterungen für Gehörlose, Audiodeskription oder „kein Shared Space in Städten“ für Blinde, oder die vollständige Gleichstellung mit der Ehe von Schwulen und Lesben, kommen allen Mitgliedern der Gemeinschaft zugute, egal ob sie von Geburt an gehörlos sind oder es im lauf ihres Lebens wurden, mit Blindenführhund oder Stock unterwegs sind, schon als Teenager ihr Coming Out hatten oder erst mit 40 oder 50, nachdem schon eine heterosexuelle Ehe geführt wurde, aus der Kinder stammen.

Die Akzeptanz, Integration und Inklusion fängt in den eigenen „vier Wänden“ an und nicht beim Politiker an der nächsten Ecke!

Sexualbegleitung – eine Verhöhnung der potent(iell)en Kundschaft

Über diesen Tweet von Reinhard Leitner aus Wien bin ich heute Morgen auf ein Thema in wiend.at-Forum gestoßen, zu dem ich selbst etwas beitragen wollte.

Nachdem ich meinen Beitrag geschrieben hatte, stöberte ich noch etwas weiter in der Forumsabteilung „Behinderung und Sexualität“ und fand diesen Beitrag mit dem Titel „Warum sind die Sexualbegleitungsangebote so unerotisch?“.

Der Begriff „Sexualbegleitung“ war mir bis dato noch nicht über den Weg gelaufen. Ich befragte „Tante Google“ und stieß auf die Seite sexualbegleitung.org und die offenbar eng damit verknüpfte Seite des Instituts zur Selbstbestimmung Behinderter.

Und was ich hier lesen muss, entsetzt und macht wütend! Da gibt es so Absätze wie diesen hier:

Sexualbegleitung unterscheidet sich von der klassischen Prostitution in folgenden Aspekten:
Sexualbegleitung ISBB wird im Kontext psychotherapeutischer Reflektion der MitarbeiterInnen geleistet. Ausbildung und Supervision stärken die Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter im ISBB.
SexualbegleiterInnen ISBB nehmen Honorar für eine zwischenmenschliche Begegnung, die offen ist für sexuelle Kommunikation verschiedenster Art. Ziel bleibt die reflektierte Persönlichkeitsentwicklung des Kunden bzw. der Kundin.
SexualbegleiterInnen ISBB sind frei von kulturellen Hilfereflexen, die den behinderten Menschen per se als hilfsbedürftig ansehen und sich selbst als zur Hilfe verpflichtet. Ohne Auftrag des Kunden handeln SexualbegleiterInnen nicht für ihn und nehmen ihn daher ernst.
SexualbegleiterInnen ISBB würden niemals einen Kunden wegen irgendeiner körperlichen oder geistigen Einschränkung ablehnen.
SexualbegleiterInnen ISBB sind verpflichtet zur ehrlichen Kommunikation Ratsuchenden gegenüber. Das bedeutet auch manchmal, dem Kunden (in aller Wertschätzung) unangenehme Rückmeldungen zu geben, als Förderung seiner Chancen, sich außerhalb der Sexualbegleitung sexuelle und partnerschaftliche Beziehungen aufzubauen.

Allein betonen zu müssen, dass SexualbegleiterInnen zur „ehrlichen Kommunikation Ratsuchenden gegenüber“ verpflichtet sind, ist ein blanker Hohn! Das wäre ungefähr genauso wie wenn ein Unternehmen, das nur drauf aus ist, seine Kunden übers Ohr zu hauen, sich als „seriöses Unternehmen“ bezeichnet. Man kann also davon ausgehen, dass die Kommunikation darauf ausgerichtet ist, den behinderten Kunden Honig um den Bart zu schmieren, ihnen das Gefühl zu geben, ihnen würde sonstwie qualifiziert geholfen, nur um ordentlich abzukassieren. €100 pro Stunde pauschal, plus Anfahrtskosten werden auf den Seiten genannt.

An anderer Stelle wird erwähnt:

Zur Vermittlung nutzen wir die Lehren und Anleitungen aus der tantrischen Tradition. Rituale sind uns wichtig, auch um deutlich zu machen, dass die Begegnung mit uns anders ist als der Alltag.

Es ist die Unehrlichkeit, die mich so wütend macht. Ein Escort-Service sollte auch als solcher bezeichnet werden. Denn nichts anderes ist es, was sich hinter dem mit allerlei sozialpädagogischem Geschwafel verschleierten Angebot von www.sexualbegleitung.org verbirgt:

  • Ein Escort-Service
  • ein mobiler Puff
  • Auslebung eines Fetisch gegen Bezahlung

Es ist nichts verwerfliches daran, sexuelle Dienstleistungen anzubieten und zu erwähnen, dass man auch auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen eingerichtet ist, wie man dies in der Beschreibung des stationären Bordells – ähem entschuldigung – Gäste-/Tagungshauses nachlesen kann.

Verwerflich ist der Versuch, die potent(iell)e Zielgruppe für dumm verkaufen zu wollen, indem das Kind nicht beim Namen genannt wird. Dies stellt ein entmündigendes Verhalten gegenüber den Menschen mit Behinderungen dar, das durch nichts zu rechtfertigen ist.

Für diese offensichtliche Verschleierungstaktik fällt mir nur ein Grund ein: Die Möglichkeit, Förderungen von staatlicher Seite zu bekommen, vermutlich sogar noch mit Verweisen auf das Antidiskriminierungsgesetz.

Eine so offensichtlich ausbeuterische und entmündigende Geschäftspraktik ist in höchstem Grade unanständig, weil sie mit einem natürlichen Bedürfnis von Menschen mit Behinderung nach Nähe, Zärtlichkeit und sexueller Befriedigung spielt als wäre es das mehr oder weniger abstrakte Kapital eines Aktionärs. Pfui Deibel!