Sexualbegleitung – eine Verhöhnung der potent(iell)en Kundschaft

Über diesen Tweet von Reinhard Leitner aus Wien bin ich heute Morgen auf ein Thema in wiend.at-Forum gestoßen, zu dem ich selbst etwas beitragen wollte.

Nachdem ich meinen Beitrag geschrieben hatte, stöberte ich noch etwas weiter in der Forumsabteilung „Behinderung und Sexualität“ und fand diesen Beitrag mit dem Titel „Warum sind die Sexualbegleitungsangebote so unerotisch?“.

Der Begriff „Sexualbegleitung“ war mir bis dato noch nicht über den Weg gelaufen. Ich befragte „Tante Google“ und stieß auf die Seite sexualbegleitung.org und die offenbar eng damit verknüpfte Seite des Instituts zur Selbstbestimmung Behinderter.

Und was ich hier lesen muss, entsetzt und macht wütend! Da gibt es so Absätze wie diesen hier:

Sexualbegleitung unterscheidet sich von der klassischen Prostitution in folgenden Aspekten:
Sexualbegleitung ISBB wird im Kontext psychotherapeutischer Reflektion der MitarbeiterInnen geleistet. Ausbildung und Supervision stärken die Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter im ISBB.
SexualbegleiterInnen ISBB nehmen Honorar für eine zwischenmenschliche Begegnung, die offen ist für sexuelle Kommunikation verschiedenster Art. Ziel bleibt die reflektierte Persönlichkeitsentwicklung des Kunden bzw. der Kundin.
SexualbegleiterInnen ISBB sind frei von kulturellen Hilfereflexen, die den behinderten Menschen per se als hilfsbedürftig ansehen und sich selbst als zur Hilfe verpflichtet. Ohne Auftrag des Kunden handeln SexualbegleiterInnen nicht für ihn und nehmen ihn daher ernst.
SexualbegleiterInnen ISBB würden niemals einen Kunden wegen irgendeiner körperlichen oder geistigen Einschränkung ablehnen.
SexualbegleiterInnen ISBB sind verpflichtet zur ehrlichen Kommunikation Ratsuchenden gegenüber. Das bedeutet auch manchmal, dem Kunden (in aller Wertschätzung) unangenehme Rückmeldungen zu geben, als Förderung seiner Chancen, sich außerhalb der Sexualbegleitung sexuelle und partnerschaftliche Beziehungen aufzubauen.

Allein betonen zu müssen, dass SexualbegleiterInnen zur „ehrlichen Kommunikation Ratsuchenden gegenüber“ verpflichtet sind, ist ein blanker Hohn! Das wäre ungefähr genauso wie wenn ein Unternehmen, das nur drauf aus ist, seine Kunden übers Ohr zu hauen, sich als „seriöses Unternehmen“ bezeichnet. Man kann also davon ausgehen, dass die Kommunikation darauf ausgerichtet ist, den behinderten Kunden Honig um den Bart zu schmieren, ihnen das Gefühl zu geben, ihnen würde sonstwie qualifiziert geholfen, nur um ordentlich abzukassieren. €100 pro Stunde pauschal, plus Anfahrtskosten werden auf den Seiten genannt.

An anderer Stelle wird erwähnt:

Zur Vermittlung nutzen wir die Lehren und Anleitungen aus der tantrischen Tradition. Rituale sind uns wichtig, auch um deutlich zu machen, dass die Begegnung mit uns anders ist als der Alltag.

Es ist die Unehrlichkeit, die mich so wütend macht. Ein Escort-Service sollte auch als solcher bezeichnet werden. Denn nichts anderes ist es, was sich hinter dem mit allerlei sozialpädagogischem Geschwafel verschleierten Angebot von www.sexualbegleitung.org verbirgt:

  • Ein Escort-Service
  • ein mobiler Puff
  • Auslebung eines Fetisch gegen Bezahlung

Es ist nichts verwerfliches daran, sexuelle Dienstleistungen anzubieten und zu erwähnen, dass man auch auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen eingerichtet ist, wie man dies in der Beschreibung des stationären Bordells – ähem entschuldigung – Gäste-/Tagungshauses nachlesen kann.

Verwerflich ist der Versuch, die potent(iell)e Zielgruppe für dumm verkaufen zu wollen, indem das Kind nicht beim Namen genannt wird. Dies stellt ein entmündigendes Verhalten gegenüber den Menschen mit Behinderungen dar, das durch nichts zu rechtfertigen ist.

Für diese offensichtliche Verschleierungstaktik fällt mir nur ein Grund ein: Die Möglichkeit, Förderungen von staatlicher Seite zu bekommen, vermutlich sogar noch mit Verweisen auf das Antidiskriminierungsgesetz.

Eine so offensichtlich ausbeuterische und entmündigende Geschäftspraktik ist in höchstem Grade unanständig, weil sie mit einem natürlichen Bedürfnis von Menschen mit Behinderung nach Nähe, Zärtlichkeit und sexueller Befriedigung spielt als wäre es das mehr oder weniger abstrakte Kapital eines Aktionärs. Pfui Deibel!